Von Ralf Schnell

Punkt zweiundzwanzig Uhr gingen an einem Oktoberabend des Jahres 1931 in den Vereinigten Staaten von Amerika auf einen Schlag die Lichter aus. Kein Defekt, sondern im Gegenteil, präzise Planung bildete die Ursache dieses ungewöhnlichen Blackouts. Das ganze Land lag, auf Anordnung des US-Präsidenten Hoover, im Dunkel, um jenen Mann zu ehren, der ihm – und uns: der ganzen Welt – das Licht gebracht hatte. Thomas Alva Edison, der Erfinder der ersten industriell herstellbaren und gebrauchsfähigen Kohlenfadenlampe, Keimzelle unserer heutigen elektrischen Glühlampe, war an diesem Oktobertag des Jahres 1931 beigesetzt worden. Der Erfinder des Mikrophons und des Phonographen, der Dynamomaschine und der Black Mary, der unermüdliche Anreger und Entdecker, der Industrielle und Ökonom, der Generationen von Menschen Annehmlichkeiten und Wohlstand, der Millionen von Arbeitern Beschäftigung und Einkommen verschafft hatte – in ihm ehrte Amerika den Mythos vom Ingenium des Subjekts, von der Selbstmächtigkeit des Individuums, vom prometheischen Heroentum.

Dieses Mythos‘ hat sich nun, in seinem zweiten Roman, der Schweizer Schriftsteller Martin R. Dean angenommen. Ein Sujet, das sich gleichsam spiegelverkehrt zu dem seines ersten Prosawerks verhält. Sein Roman Die verborgenen Gärten (1982) war im Grunde eine Reise durch die künstlichen Paradiesgärten unserer Zivilisation – und eine Apotheose der unverwüstlichen Regenerationskraft der Natur. In seinem Roman Der Mann ohne Licht geht es um die materiellen Konsequenzen eines aufklärerischen Denkens, das zur technisch-instrumentellen Vernunft verkommen konnte. Dean schickt einen jungen Journalisten namens Dill auf die Reise, der den berühmten Schriftsteller Eugen Loder interviewen soll. Er läßt diesen jungen Journalisten nach Südfrankreich fahren, ins Haus zweier Schwestern, wo Dill, im Wechselspiel von Liebesglück und Landschaftserkundung, Gelegenheit nimmt, seine Gespräche mit Loder zu überdenken. Er läßt Dill schließlich, nachdem Loder in den Flammen seines Hauses eines gewaltsamen Todes gestorben ist, an dessen Wohnort zurückkehren, um ihn in schwierige Gespräche mit dem örtlichen Polizeichef zu verstricken. Und am Ende, im letzten, dem dritten Teil des Romans, bekommen wir zu lesen, woran Eugen Loder bis zuletzt gearbeitet und woraus er Dill aufs laufende Tonband vorgetragen hat: „Der Mann ohne Licht. Aus den heimlichen Aufzeichnungen des Privatsekretärs von T.A. Edison, S. Insull.“

Der Journalist Dill, auf dessen Sicht der Dinge der Roman perspektivisch orientiert ist, kann das Sujet, um das es Dean zu tun ist, allerdings nicht hinreichend glaubwürdig verbürgen. Deshalb muß der Schriftsteller Loder gelegentlich trockene Vorträge über Edison halten. Deshalb muß sein Unbehagen an der Aufklärung und in der Kultur in den Roman tragen, was diesem an innerer Problematik strukturell fehlt. Und deshalb auch müssen bisweilen Stimmungsanleihen bei Expressionismus und Surrealismus helfen, Bilderzitate, die atmosphärisch beglaubigen sollen, was authentisch sich nicht hat entfalten lassen.

Diese Kritik gilt jedoch nicht für den letzten, den titelgebenden Teil des Romans. Hier, auf wenig mehr als vierzig Seiten, gelingt Dean das Kunststück, etwas von der Problematik des Edison-Mythos sichtbar zu machen. Dean filtert die Wahrnehmungen, die auf das Ingenium Edisons fallen, durch die Perspektive von dessen Privatsekretär Insull, eines Erfinder-Intimus, der seine eigenen Neigungen und Begabungen nur im Schatten des verehrten Lichtbringers zur Entfaltung bringen kann. Sein Doppelleben besteht aus der tagtäglichen Aufopferungsgeste für den großen Meister und der allnächtlichen Aufzeichnungsmühe, die seinem Weg und Werk, seinem Handeln und Denken gilt.

Das ist reizvoll zu lesen, weil Dean die vielfältigen, bisweilen disparat erscheinenden Aufzeichnungsbruchstücke zu einem Mosaik des dienenden Geistes zusammenzufügen versteht. Hier ein Blick auf die Familiensituation Edisons: der Erfinder als Menschenverächter, dessen Frau sein Opfer wird, dessen Kinder zu Fremden werden. Dort ein Hinweis auf die finanziellen Engpässe und Nöte, denen auch einer der Großen dieser Welt sich ausgesetzt sah. Gelegentlich Bemerkungen zu den gigantischen wirtschaftlichen Konsequenzen dieses rastlosen Inventionsdranges. Und immer wieder die Zweifel des Privatsekretärs an seiner eigenen Arbeit, an seiner Identität, an seinen Fähigkeiten – immer wieder bestärkt und stets aufs neue beiseitegeschoben, weggefegt, verdrängt durch die Gewißheit: „Jetzt arbeite ich bereits über ein Jahr bei ihm als Privatsekretär und ‚Mädchen für alles‘. Als ich meine Stelle antrat, konnte ich nicht ahnen, wie nahe ich diesem großen Mann kommen würde. Heute bin ich nicht nur eines der wichtigsten Rädchen in seinem Getriebe, allmählich werde ich fast zu seinem Freund. ‚Mein Intimus‘, wie er mich scherzhaft in Gesellschaft einzuführen versteht. Ja, ich habe mich vollkommen an seinen Arbeitsstil angepaßt, ich gehe mit Lust darin auf. Ich bin da, ohne daß er mich sieht.“

Eine Eckermann-Existenz also, inszeniert um der wechselseitigen Verflechtungen von Gegensätzen und Polaritäten willen. So hell und glänzend und gefahrvoll die technische Vernunft Thomas Edisons auch zu strahlen vermag, so groß seine Wirkungen, so gewaltig seine Werke sind – seine Liebesbriefe schreibt der Privatsekretär. Denn der Meister ist, wie manches anderen, so auch des intimen Wortes nicht mächtig. Und wenn seine ingeniöse Leuchtkraft die Figur des ergebenen Intimus manchmal schier zu verbrennen droht, so erhält diese sich doch am Leben in der Gewißheit, dienend und notierend im gleichen Geiste zu schaffen: „Aber wenn es dunkel ist, werde ich aufstehen und mich für die Nacht frischmachen. Ich werde die Lampe anzünden und das weiße Blatt wird hell aufleuchten.“