Von Helmut Schödel

Noch’n Gespenst

„Uiiiiiiiiiiiiiiiiiiii“ Ernst Jandl, „Im Reich der Toten“

Unauffällige Tage gingen diesen Nächten voraus, die ebenso ohne Besonderheit waren (keine verhängnisvolle Konstellation der Gestirne, kein Vollmond, der bleich ins Fenster schaut). In solchen Nächten geschah es.

Im Bekanntenkreis war man längst übereingekommen, alles als ein Streßsymptom zu deuten. Je drei bis vier Monate lagen jeweils zurück, in denen sich Theaterbesuche und theaterkritische Arbeit häuften, fliegende Wechsel zwischen Schreibtisch und Parkett. Darauf folgten diese Nächte, in denen Neuenfels kam.

Seit einem Jahrzehnt gehört seine Erscheinung zum festen Haushalt meiner Alpträume. Warum ausgerechnet Neuenfels, frage ich mich seit Jahren. Nur wenige seiner Inszenierungen habe ich besucht, sie von einem bestimmten Zeitpunkt an sogar gemieden. Er hatte schließlich Verehrer genug, auch unter Kritikern. Während sie zu seinen stundenlangen Aufführungen reisten, lag ich in meinem Bett und mußte trotzdem auf ihn nicht verzichten. Ein fliegender Holländer des deutschen Stadttheaters ist dieser Neuenfels meiner Träume. Er erinnert mich daran, daß man dem Theater nicht leicht entkommt, auch wenn man es sich wünscht. Vielleicht hat es zuviel mit Magie zu tun.

In diesen Nächten ohne Besonderheit blicke ich in sein narbiges, verwegenes Abenteuergesicht. Mein Gott, denke ich mir inzwischen erleichtert, wer einem in diesen Jahren alles erscheinen könnte! Wie gut es mir da geht.