Lieber Steuerzahler! Sie erhalten anbei Ihren Steuerbescheid. In der Aufstellung befindet sich ein Fehler. Wir wissen allerdings nicht genau, wo. Wir bitten Sie daher, die Zahlen zu kontrollieren. Sobald Sie den Fehler gefunden haben, wenden Sie sich bitte an uns, so daß wir den Bescheid korrigieren können. Herzlichst, Ihr Finanzamt.“

So lautete – etwas verkürzt – ein Schreiben, welches zahlreichen dänischen Steuerzahlern vor einiger Zeit ins Haus flatterte. Die Experten versuchten auf diesem Wege, sich einen Überblick zu verschaffen, wie viele der Steuerbescheide wohl falsch waren. Sechs Prozent, meinten die einen. Elf Prozent, sagten andere.

Neue Abgaben, die kürzlich in Kraft getretene Steuerreform und der massenweise Einsatz von Computern führten zu dieser neuen Variante des Themas „Bürger und Staat“. Die Steuerreform sollte das System vereinfachen und leistungsgerechter gestalten. Die Computer sollten die Steuerverwaltung effektiver machen.

Die Computer wußten aber offensichtlich nicht so recht, was sie rechnen sollten. Das dänische Fernsehen ließ jedenfalls in vier Institutionen die Steuererklärung ein und desselben Landwirtes bearbeiten. Zwei der Institutionen waren staatlich (kommunale beziehungsweise zentrale Steuerverwaltung), und zwei waren privat (ein Wirtschaftsprüfer und ein Wirtschaftsverband). Alle vier Stellen kamen zu einem anderen Ergebnis. Die berechnete Steuerbelastung schwankte zwischen 12 000 und 22 000 Mark. Es sprach für die bürgerfreundliche Einstellung der dänischen Steuerverwaltung, daß die beiden staatlichen Computer die niedrigeren Werte errechneten.

Insgesamt identifizierten die Experten bislang fünfzehn hauptsächliche Fehlerquellen. Spitzenreiter war die neue Abgabe auf Verbraucherkredite. Weil die Dänen zuviel Konsumgüter auf Kredit kaufen und damit die Zahlungsbilanz gegenüber dem Ausland immer wieder in die roten Zahlen drücken, brummte die Regierung ihnen eine neue Abgabe auf, um die Kauflust zu bremsen. Zwanzig Prozent der Zinssumme auf Verbraucherkredite müssen nun an den Fiskus abgeführt werden. Das gilt natürlich nicht für Investitionskredite.

Nimmt man die Bestimmungen genau, dann müßten die Dänen nun zwanzig verschiedene Arten von Zinsen einzeln bestimmen. Dazu gehören beispielsweise die Zinsen auf Realkredite, Zinsen auf bestimmte Baukredite oder Zinsen auf Immobilienpfandbriefe, die vor dem 7. Oktober 1986 aufgenommen wurden. Hat man nun diese zwanzig Zahlen ermittelt, und zwar jeweils auf Basis eines gesonderten Regelwerkes, dann müssen die Zahlen sortiert und addiert werden. Übersteigt die Zinssumme für die Verbraucherkredite eine gewisse Größe, dann wird eine Abgabe in Höhe von zwanzig Prozent fällig. Bei dieser Rechnung verhedderten sich nun viele Steuerzahler, Sachbearbeiter und Computer.

Das Chaos akkumulierte schrittweise, und die dänischen Zeitungen hatten nun ihr Dauerthema fürs Sommerloch. Der 1. Juli war eigentlich Stichtag für alle Dänen, Steuerschuld und Zinsabgabe zu begleichen. Danach würden Strafzinsen fällig. Zu diesem Zeitpunkt hatte aber erst ein kleiner Teil der Dänen einen Steuerbescheid erhalten. Und diejenigen, die einen erhalten hatten, wußten nicht so recht, was sie von ihm halten sollten. Steuerminister Anders Fogh Rasmussen mußte schließlich unter dem vereinten Druck von Opposition und Dissidenten im eigenen Lager die Fristen verlängern.