Von Rudolf Walter Leonhardt

In einer Welt der Flüchtlinge wird jemand, der den umgekehrten Weg nimmt, so aussehen, als liefe er davon („In a world of fugitives / The person taking the opposite direction / Will appear to run away“). Diese Verse sind die einzigen, die ich aus T. S. Eliots verunglücktem Schauspiel „Der Familientag“ behalten habe, längst, ehe ich den Dichter kennenlernte.

Sie passen so gut auf den, der sie schrieb. Daß wir in einer Welt der Flüchtigen, der Gehetzten, der sinnlos Getriebenen leben, war das Thema seiner frühen Lyrik. Wenn Dekadenz Faszination durch alle Symptome ungesunden Lebens ist, dann waren diese Gedichte dekadent – und das in einer Kriegszeit, in der von Engländern ungebrochene Stärke gefordert wurde, in der die Patrioten Kipling und die Schöngeister Swinburne deklamierten.

Es machte große Schwierigkeiten, für Eliots Verse einen Verleger zu finden. Aber nachdem die ersten Gedichtbände erschienen waren, als „Prufrock“ (1917) erste Bewunderer gefunden, als eine desillusionierte Nachkriegsjugend die gelehrte Ironie des „Waste Land“ begeistert sich zu eigen gemacht hatte, da wollte der Gefeierte in dieser Richtung nicht weiter mitgehen. Er erklärte sich 1928 als „Klassizist in der Literatur, Royalist in der Politik, Anglo-Katholik in der Religion“ – eine Einordnung, die er bis ans Ende seines Lebens nicht wieder losgeworden ist, so oft er sie auch zu korrigieren versucht hat.

Vier Jahre später wußte er, als Gastprofessor in Harvard, seine Zuhörer mit der Behauptung zu überraschen, daß ein Dichter gern auch einen „gesellschaftlichen Gebrauchswert“ hätte und daß das Theater „das unmittelbarste Instrument gesellschaftlichen ‚Nützlichkeit‘“ sei. Das wüste Land mit seinen kranken Bewohnern schien vergessen.

Wir wollen den Mann, der davonzulaufen scheint, weil er sich weigert, dem Strom der Trends und der Erwartungen zu folgen, nicht zu Tode hetzen. Es bleibt festzuhalten, daß Thomas Stearns Eliot (1888-1965), ein bißchen zu korrekt, ein bißchen zu feierlich, ein bißchen zu bombastisch bei aller Bescheidenheit, der große Repräsentant englischer Literatur mehr als zwanzig Jahre lang sehr zu seiner eigenen Überraschung geworden ist. Was nicht ausschließt, daß er es zuweilen genossen hat.

Es gibt keinen anderen Schriftsteller unseres Jahrhunderts, über den so viel geschrieben worden und über den dabei so wenig bekannt ist. Fast alle seine Werke, wenn auch die Gedichte mehr als die Dramen, sind so alexandrinisch dunkel, so voller Anspielungen und Reminiszenzen, daß die Fachgelehrten den Forschungsverlockungen nicht widerstehen konnten. Sein Leben jedoch hat er so weit wie möglich abgeschirmt gegen öffentliches Interesse. Schon 1925 hat er verfügt, daß in diesem Jahrtausend keine offizielle Biographie über ihn erscheinen dürfe.