Blinder Glaube an die Geisterwelt, Eifersucht und Hörigkeit trieben drei Menschen zum Verbrechen

Von Reinhard Merkel

Im nördlichen Sauerland, unweit der Stadt Soest, liegt, von den umgebenden Wäldern dem durchlaufenden Verkehrsgetriebe einer offenen Landschaft entzogen und im Saum seiner Ufer gleichsam stillgelegt, der Möhnesee. Wer auf dessen Nordumfahrung in östlicher Richtung kurz vor dem See-Ende anhält und nach links dem leichten Anstieg eines Fußwegs in den Wald folgt, erreicht nach einigen Minuten ein schrebergartengroßes, eisenumzäuntes Geviert – einen winzigen Friedhof. Im 19. Jahrhundert als Grabstätte einer Adelsfamilie angelegt und im 20. mit deren Aussterben an das Ende seiner Funktion gelangt, läßt er in einer atmosphärischen Mischung aus Halbdunkel und Totenstille auch für den nüchternen Blick eine Ahnung seiner Wirkung auf spukempfängliche Gemüter zu. Seinen Mittelpunkt bildet ein steinernes Kruzifix. In der linken hinteren Ecke liegen dicht nebeneinander drei Kindergräber.

Diese Sphäre zwischen Zivilisation und Wildnis, Leben und Tod, war in den Frühsommernächten des Jahres 1986 Schauplatz merkwürdiger Begebenheiten, etwa der folgenden:

Um das steinerne Kruzifix knien, offenbar betend, eine Frau und zwei Männer. Nach einer Weile erhebt sich die Frau, deutet auf ein fernes nächtliches Wetterleuchten und umfaßt mit beiden Armen das Kreuz. Dann zerreißt sie plötzlich die von den gleichmäßig strömenden Waldgeräuschen umschlossene Stille mit einem Schrei: „Mörder, Mörder!“

Über das Gesicht eines der beiden Männer zuckt der Ausdruck eines jähen Erschreckens. Die Frau läuft nun zu den drei Kindergräbern, bricht dort zusammen und stammelt schwer verständliche Worte. Die Männer hören angespannt zu. Einer legt ein Kreuz auf die Grabstätte. Dann heben sie die Frau auf und ziehen sie gegen ihren Widerstand vom Friedhof auf den zum See hinunterführenden Waldweg. Unten, von der den See durchquerenden Staumauer, springt einer der beiden Männer, es ist der vorher so maßlos Erschrockene, in voller Bekleidung in das eiskalte Wasser. Obgleich ersichtlich mühsam gegen das Versinken kämpfend, entfernt er sich langsam, bis er vor dem schwarzen Horizont unsichtbar geworden ist.

Die beiden Zurückgebliebenen beginnen stumm zu tanzen. Mehr als zwanzig Minuten mag es dauern, bis mit dem heiseren Keuchen der Todesangst der Schwimmende zurückkehrt und ans Ufer klettert. Beide Männer knien vor der Frau nieder und sprechen nacheinander etwas zu ihr hin. Die deutliche Symbolik der begleitenden Gesten verrät, daß hier ein Schwur geleistet wird. Plötzlich bricht die Frau erneut zusammen, windet sich wie in Krämpfen. Die Männer ziehen die sich wieder heftig Wehrende von der Staumauer zu einem am Ufer parkenden Auto und fahren mit ihr davon. Am östlichen Himmelsrand erscheint das erste Grau des dämmernden Tages.