Blinder Glaube an die Geisterwelt, Eifersucht und Hörigkeit trieben drei Menschen zum Verbrechen

Von Reinhard Merkel

Im nördlichen Sauerland, unweit der Stadt Soest, liegt, von den umgebenden Wäldern dem durchlaufenden Verkehrsgetriebe einer offenen Landschaft entzogen und im Saum seiner Ufer gleichsam stillgelegt, der Möhnesee. Wer auf dessen Nordumfahrung in östlicher Richtung kurz vor dem See-Ende anhält und nach links dem leichten Anstieg eines Fußwegs in den Wald folgt, erreicht nach einigen Minuten ein schrebergartengroßes, eisenumzäuntes Geviert – einen winzigen Friedhof. Im 19. Jahrhundert als Grabstätte einer Adelsfamilie angelegt und im 20. mit deren Aussterben an das Ende seiner Funktion gelangt, läßt er in einer atmosphärischen Mischung aus Halbdunkel und Totenstille auch für den nüchternen Blick eine Ahnung seiner Wirkung auf spukempfängliche Gemüter zu. Seinen Mittelpunkt bildet ein steinernes Kruzifix. In der linken hinteren Ecke liegen dicht nebeneinander drei Kindergräber.

Diese Sphäre zwischen Zivilisation und Wildnis, Leben und Tod, war in den Frühsommernächten des Jahres 1986 Schauplatz merkwürdiger Begebenheiten, etwa der folgenden:

Um das steinerne Kruzifix knien, offenbar betend, eine Frau und zwei Männer. Nach einer Weile erhebt sich die Frau, deutet auf ein fernes nächtliches Wetterleuchten und umfaßt mit beiden Armen das Kreuz. Dann zerreißt sie plötzlich die von den gleichmäßig strömenden Waldgeräuschen umschlossene Stille mit einem Schrei: „Mörder, Mörder!“

Über das Gesicht eines der beiden Männer zuckt der Ausdruck eines jähen Erschreckens. Die Frau läuft nun zu den drei Kindergräbern, bricht dort zusammen und stammelt schwer verständliche Worte. Die Männer hören angespannt zu. Einer legt ein Kreuz auf die Grabstätte. Dann heben sie die Frau auf und ziehen sie gegen ihren Widerstand vom Friedhof auf den zum See hinunterführenden Waldweg. Unten, von der den See durchquerenden Staumauer, springt einer der beiden Männer, es ist der vorher so maßlos Erschrockene, in voller Bekleidung in das eiskalte Wasser. Obgleich ersichtlich mühsam gegen das Versinken kämpfend, entfernt er sich langsam, bis er vor dem schwarzen Horizont unsichtbar geworden ist.

Die beiden Zurückgebliebenen beginnen stumm zu tanzen. Mehr als zwanzig Minuten mag es dauern, bis mit dem heiseren Keuchen der Todesangst der Schwimmende zurückkehrt und ans Ufer klettert. Beide Männer knien vor der Frau nieder und sprechen nacheinander etwas zu ihr hin. Die deutliche Symbolik der begleitenden Gesten verrät, daß hier ein Schwur geleistet wird. Plötzlich bricht die Frau erneut zusammen, windet sich wie in Krämpfen. Die Männer ziehen die sich wieder heftig Wehrende von der Staumauer zu einem am Ufer parkenden Auto und fahren mit ihr davon. Am östlichen Himmelsrand erscheint das erste Grau des dämmernden Tages.

Am Donnerstag letzter Woche verhandelte der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe als Revisionsinstanz über ein Urteil des Landgerichts Bochum in einem Kriminalfall, zu dessen Vorgeschichte die nächtliche Szene am Möhnesee gehört. In seiner einleitenden Erklärung sprach der Senatspräsident von einer „monströsen Einmaligkeit“ des zugrundeliegenden Sachverhalts. Hätte ein deutscher Professor zu Lehrzwecken etwas Ähnliches erfunden, er hätte sich unweigerlich den Tadel der sprichwörtlichen akademischen Lebensfremdheit zugezogen. Gleichwohl hat der Fall einige Aussicht, noch fernen Juristengenerationen als abstruses Mittel der theoretischen Veranschaulichung zu dienen.

Wie jene Vorgänge am Friedhof und am See, aber in einem weitaus realistischeren Sinn, spielt er in einer Sphäre zwischen Zivilisation und Wildnis, Leben und Tod. Das ist kein Wunder: Seine Akteure sind mit denen des nächtlichen Gespensterreigens identisch.

Die Tat

Am 30. Juli 1986, gegen halb elf Uhr nachts, klingelt der Polizeimeister Michael R. an der Tür zur Wohnung der Blumenhändlerin Annemarie N. in Bochum. Auf Frau N.’s Frage, wer da sei, nennt er, den sie wenige Tage zuvor über ihren Mann kennengelernt hat, seinen Namen, fragt nach Herrn N. und entfernt sich wieder mit der Auskunft, dieser sei nicht zu Hause. Zwei Minuten danach klingelt er erneut: er wolle noch Blumen mitnehmen, rote Rosen. Auf Frau N.’s Nachfrage sagt er: ja, er habe etwas gutzumachen. Später, im Blumengeschäft unterhalb ihrer Wohnung bückt sich Frau N., um etwas aufzuheben. Da stößt ihr R. ein Messer mit 20 cm langer Klinge in die rechte Halsseite, wenige Millimeter neben der Schlagader. Frau N. fällt zu Boden. R. kniet sich auf ihre Schultern, drückt sie mit einer Hand nieder und stößt mit dem Dolch in der anderen elf weitere Male zu. Frau N. spürt, wie sie ein Stich in die linke Wange trifft und das Messer in der Wunde umgedreht wird. Der Versuch R.’s, ihr die Kehle durchzuschneiden, mißlingt und läßt einen klaffenden Schnitt am Hals zurück.

Alarmiert durch den Lärm und die Schreie der Frau N. erscheinen zunächst ihre Freundin, dann ihr Sohn am Tatort – und entfernen sich wieder in kopfloser Bestürzung, um Hilfe zu holen. R. läßt von seinem Opfer ab und flieht. Frau N. schleppt sich zum Telephon, ruft die Polizei, fällt dann zu Boden und wird bewußtlos. Die kurz darauf eintreffenden Beamten finden sie in einer riesigen Blutlache. Neben ihr, zu einem Kreuz übereinandergelegt, liegen zwei Rosen.

Schon am Morgen des folgenden Tages wird R. verhaftet. Er leugnet die Tat nicht. Die Frage nach seinem Motiv weiß er nicht zu beantworten. Dem Versuch der Beamten, ihm eine Halskette mit einem Metallkreuz, das als Suizidinstrument in Frage käme, abzunehmen, widersetzt er sich mit erregter Entschlossenheit. Auffällig erscheint neben seinem konfusen Unvermögen, ein einleuchtendes Motiv zu nennen, noch dies: Er wiederholt ständig die Frage, ob Frau N. tot sei, auch nachdem ihm längst gesagt worden ist, daß sie lebe. Der vernehmende Polizist hat den Eindruck, R. wünsche geradezu ängstlich Frau N.’s Tod. Sie überlebt jedoch, wenn auch mit erheblichen psychischen und noch immer nicht behobenen physischen Folgeschäden.

Acht Monate lang schweigt der Untersuchungshäftling R. über sein Motiv. Aus seinen spärlichen und wenig plausiblen Hinweisen konstruiert die Staatsanwaltschaft einen halbwegs logischen Grund für sein Handeln und klagt ihn vor dem Schwurgericht an. Am ersten Tag der Hauptverhandlung, dem 19. März 1987, gibt R.’s Verteidiger eine Erklärung ab. Der Prozeß müsse verschoben, es müsse neu ermittelt und angeklagt werden, der Fall sei nicht annähernd aufgeklärt: hinter dem Täter gebe es zwei andere, die wahren Täter.

Was der daraufhin vernommene R. über die Vorgeschichte seines Mordanschlags erzählt, entzieht sich zunächst der Fassungsbereitschaft einer ordentlichen Strafkammer. Das wachsende Staunen der Richter reicht über den Verdacht, hier werde mit sinistrem Aberwitz die Würde des Gerichts verletzt, bis zu der Erwägung, man müsse R., und etwa noch seinen Anwalt, augenblicklich der Psychiatrie übergeben. Gleichwohl wird R.’s Vater als Zeuge gehört. Er bringt einige Indizien für die Richtigkeit der Erzählung seines Sohnes. Die Verhandlung wird unterbrochen. Am nächsten Tag werden zwei weitere Tatverdächtige verhaftet: Barbara H. und Peter P. Nach tagelangen Vernehmungen beginnt die Metamorphose ihrer Aussagen und endet in umfassenden Geständnissen. Sie verbinden sich mit R.’s Darstellung widerspruchslos zu einem bizarren Spuk, der freilich einen finsteren Mangel hat: er ist wahr.

Biographische Einzelheiten

„Der Angeklagte R.“,-heißt es in der Urteilsbegründung des Schwurgerichts, „wurde am 28.10.1958 ... geboren. Er wuchs in geordneten und behüteten Verhältnissen auf.“ Das wäre bloß ein gleichgültiger Euphemismus für die anschließend skizzierte Tristesse einer Kindheit im Zwielicht des kleinbürgerlichen Alltags. Doch dann plötzlich, in lapidarer Trostlosigkeit, der Grundton eines ganzen Lebensschicksals: Als Schüler „nahm er von vornherein eine Außenseiterrolle ein. Er bekam nur schwer Kontakt, wurde gemieden ... und von den Mitschülern oft gehänselt und geschlagen.“

Es bleibt die Charakterrolle seiner Existenz. Der Vater will, daß er Berufssoldat werde. Er wird, zum selbstverständlichen Gespött seiner Kameraden, Polizist. Bewußt und unbewußt duckt er sich unter sein Verhängnis. Er beginnt zu trinken, zu spielen, macht hohe Schulden und akzeptiert in verlegener Gutmütigkeit die Verachtung seiner Dienstkollegen.

Anfang 1982 lernt er Barbara H. kennen. Sie, 18jährig, gerade vom ersten Anprall des Lebens ins Straucheln gebracht und nun Tag für Tag aus dem Alkohol die treulosen Segnungen des Vergessens beziehend, findet R. sympathisch und erzählt ihre Geschichte. Sie hat soeben ihre erste große Liebe, Udo N., verloren. Knapp zwei Jahre zuvor hat sie auf sein Drängen ein Kind, das sie sich gewünscht hätte, abgetrieben. An den für sie verheerenden Konsequenzen des Eingriffs ist die Beziehung schließlich gescheitert. Ihre sexuelle Erlebnisfähigkeit ist seither schwer gestört. Nach und nach wird Udo N. in ihrer Vorstellung zur Fata Morgana einer hysterischen Sehnsucht.

Udo N. ist der spätere Ehemann des Mordanschlag-Opfers Annemarie N.

Im Mai 1982 zieht Barbara auf der Flucht vor den Schatten ihrer Vergangenheit zu Michael R. Seine Liebe erwidert sie nicht, beschwichtigt sie nicht einmal mit der bloßen Mechanik einer sexuellen Beziehung. Auch ist sie vollständig unfähig, ihre vagabundierende Phantasie zu dem Vorsatz eines bürgerlichen Lebensplans zu zwingen. Statt dessen wuchern in der Atmosphäre aus Alkohol und Lebensblindheit, der sie ihre Existenz widerstandslos überläßt, ihre Phantasmagorien bis weit in jenen klinischen Bereich, der in der klassischen Psychiatrie „Pseudologia phantastica“ heißt. Mit wachsender Bestürzung wird Michael R. zum Mitwisser einer dunklen Geschichte.

Sie werde, erzählt ihm Barbara, seit geraumer Zeit von einem internationalen Zuhälterring verfolgt, immer wieder verschleppt, gefoltert, vergewaltigt. (Schlagartig begreift der Polizeimeister irritierende Zusammenhänge: Kommt sie nicht öfters zerkratzt, mit zerrissenem Kleid und verängstigtem Blick nach Hause?) Bis in die höchsten Ränge von Polizei und öffentlicher Verwaltung seien die Zuhälter vorgedrungen und hielten dort die Fäden in der Hand. Polizeiliche Hilfe sei nicht zu erhoffen.

Das sieht R. ein, ebenso, daß Barbara wegen dieser Dinge keine Sexualbeziehung mit ihm aufnehmen kann. Er beginnt mit der Einrichtung eines Personenschutzes, stellt Listen von Verdächtigen auf, überprüft Kraftfahrzeuge und läßt Barbara in keiner Sekunde seiner Freizeit aus den Augen. Während seines Dienstes sorgt er für ihre Bewachung durch gemeinsame Bekannte. Einem gestattet er zu Schutzzwecken und gegen die Versicherung, daß es dabei bleibe, die Bewachung Barbaras während seiner, R.’s, Nachtschichten. Als er beide eines Morgens im Bett erwischt, legt er ihr nahe, auszuziehen, hilft ihr später dabei und verliert sie allmählich aus den Augen.

In dem Seelendunkel seines Schmerzes über den Verlust der Freundin verblassen die alten Wahnbilder. Doch wird er ihr und ihnen nach drei Jahren wieder begegnen.

Barbara H. lernt während dieser Zeit Peter P. kennen. Er ist der dritte der später vor dem Schwurgericht Angeklagten.

Er ist 43 Jahre alt. Aufgewachsen in der Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre, zwischen den auseinandergehenden Eltern hin- und her- und schließlich von beiden abgeschoben in ein Heim, hat er an die ungeliebten und niemals liebenden Eltern keine markanten Erinnerungen, bis auf eine, die das Gericht später im Urteil festhält: Sein Vater habe ihm bereits im Alter von 14 Jahren prophezeit, „daß er sein Leben ‚mal im Knast verbringen‘ werde“.

Er ist verheiratet, lebt aber von seiner alkoholsüchtigen Frau getrennt. Sie haben neun Kinder, für deren Lebensperspektiven er jahrelang verbissen und vergeblich um bessere Verdienstmöglichkeiten gekämpft hat. Nur eines von ihnen, der 15jährige Hannes, wohnt bei ihm.

Die Begegnung mit Barbara H. empfindet er als das größte Glück seines Lebens. Ihre Verweigerung sexueller Beziehungen akzeptiert er klaglos. Er begeistert sie für seine Interessen, vor allem die Frühgeschichte von Religionen und den Okkultismus, den sie mittels der Zeitschrift P.M. erforschen, eines Blattes, das insoweit dem Bereich seiner eigenen Darstellung problemlos zugerechnet werden kann. Von dort erfahren sie die Geschichte des Untergangs von Atlantis. Einschlägige Bücher werden gekauft, erörtert, exzerpiert: „Das Licht von Atlantis“, „Der Hexenanwalt“, „Die Nebel von Avalon“ – und zwar, wie es später im Urteil heißt, „zur weiteren Aufhellung des Hintergrunds“.

Auch unternimmt man gemeinsame Fahrten zu Burgen und alten Kirchen. Die Familienchronik der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein wird erforscht. Tief beeindruckt ist Barbara von dem Bild eines der Stammväter des Geschlechts, des Grafen Salentin, der im 14. Jahrhundert gelebt hat. In der rastlosen Neigung ihrer Phantasie, das Leben mit ihrem Erleben zu verwechseln, projiziert sie Salentins Gestalt in die Vorgeschichte der eigenen Biographie: Die Linie der fraglos gefühlten seelischen Verwandtschaft wird um Jahrtausende zurück in die Vorzeit verlängert und läuft in Atlantis zu ihrem Ursprung. Dort sei man vor dem Untergang als „Verschwisterte vom alten Blut“ verbunden gewesen und seither, irrlichternd durch die Zeitalter, da und dann wiedergeboren worden, um das Band des alten Blutes neu zu knüpfen.

Allmählich beginnt die Formenwelt der Phantasie den grauen Alltag der Wirklichkeit bis zur Unerkennbarkeit der Grenzlinien zu überwuchern. In dieser Atmosphäre findet Anfang 1986 die Wiederbegegnung Barbaras mit Michael R. statt. Der hochneurotisch beeinflußbare R. wird langsam, aber ausweglos in die ihm suggerierten Wahnwelten eingeschlossen.

Im März 1986 zieht er zu Barbara. In der Nachbarwohnung lebt Peter P. Das Zusammenleben der drei wird in den folgenden Wochen durchzogen von einer zunehmenden Spannung. Zugleich wächst die Phantastik ihrer metaphysischen Umtriebe ins Unvorstellbare. An einem bestimmten Punkt der Entwicklung berühren sich beide Sphären, und der Lebenshorizont der Beteiligten verfinstert sich mit beklemmender Schlüssigkeit.

„Der Schlaf der Vernunft...“

Die Dinge entwickeln sich langsam. In Michael R.’s Bewußtsein hat, fern von Barbaras Einfluß, ein lange nagender Zweifel den Glauben an die frühere Zuhältergeschichte nahezu restlos beseitigt. Mit nachsichtiger Ironie attestiert er sich nun, „ganz schön naiv gewesen“ zu sein. Neue Phantasiegeschichten erzählt ihm Barbara zunächst nicht. Doch irritiert ihn gelegentlich die Wahrnehmung, daß sie sich seltsam verhält.

Die Gründe dafür erfährt er im Februar 1986. Nicht damals sei er naiv gewesen, heute sei er es, weil er an Barbaras früheren Erzählungen zweifle. Die Zuhälter jedenfalls seien in den vergangenen Jahren keineswegs untätig geblieben. Man habe Barbara zwischenzeitlich nach Hamburg verschleppt, zur Prostitution gezwungen und oft mit Hunden und Insekten gefoltert. Nur die Tatsache, daß sie in der straff hierarchischen Organisation die Zuneigung des Bosses der Sektion Deutschland finden konnte, habe ihr das Leben gerettet. Bei geheimen Treffen des Syndikats, die über verschlüsselte Zeitungsannoncen zustandekämen, spiele der Boß ihr Informationen zu. Dadurch habe sie den Anschlägen auf ihr Leben mittels sogenannter Nadlergeschosse – vergifteter Nadeln, aus der Deckung von Maske und Dunkelheit auf sie abgefeuert – bisher entgehen können, wenn sie auch schon mehrfach, einmal beispielsweise mit einer „Ladung von fünf Milligramm Base“, verletzt worden sei.

Michael R.’s wiedergefundene Realitätsbindung wird brüchig. Er hat Mitleid mit Barbara, und er liebt sie. Er will glauben. Und plötzlich ist die Welt seiner Wahrnehmungen voller Indizien. Der Annoncenteil der Zeitungen erweist sich bei genauer Lektüre als stark durchsetzt mit verschlüsselten Nachrichten der Zuhälter, viele deutlich an ihn, R., adressiert. Er antwortet, läßt sich auf den chiffrierten Dialog über die Zeitung ein: Die Zuhälter sollen wissen, daß er friedlich, aber wachsam ist. Einmal sind die Radmuttern an seinem Auto gelöst. Auch er ist jetzt bedroht. Nur hat sich die Gefahr inzwischen erheblich verschärft: Der immerhin humane Boß der Sektion Deutschland ist, vor Barbaras Augen, lebendigen Leibes verbrannt worden.

Um der bedrohlicheren Situation gerecht zu werden und in der Erwägung, das werde die Zuhälter verunsichern, streift R. nächtelang durch die Bochumer Innenstadt. Den Dienst freilich muß er notgedrungen immer mehr vernachlässigen. Seine Vorgesetzten werden indigniert auf ihn aufmerksam. Er sieht die Chancen seines beruflichen Fortkommens schwinden, vermag aber aus Gewissensgründen nichts daran zu ändern.

An Barbara beobachtet er inzwischen immer häufiger die Wirkungen jener unsichtbaren Nadlergeschosse: Oft zuckt sie unter ersichtlichen Schmerzen zusammen und verliert vorübergehend Seh-, Hör- und Sprechvermögen.

Monate später, längst festgenommen nach seiner eigenen Bluttat, wird er in der Untersuchungshaft beginnen, die ganze Geschichte aufzuschreiben, 170 Seiten, furchtbar und lächerlich, grotesk und wahr – fabelhaft, manches im zweifachen Sinne des Wortes. Dies etwa:

„Wir gingen spät abends durch den Hiltroper Park. Hier hatte sie wieder einen ihrer gewohnten Ausfälle eines Sinnesorgans. Wir unterhielten uns dann ab und zu mittels Zeichensprache. Diesmal sah sie angeblich nichts mehr. Dann sagte sie, daß eine Katze (zu denen sie eine besondere Beziehung hatte) in der Nähe wäre. Ich sah davon erst nichts und hörte nichts. Plötzlich tauchte wirklich eine Katze auf. Der Weg, auf dem wir gingen, war umsäumt von Büschen. Auf einmal schrie Peter: ’Ja, paßt ihr denn nicht auf, an der Laube ist einer von ihnen. Schnell lauft!’ Wir liefen, obwohl ich gerne stehengeblieben wäre, um eine Entscheidung herbeizuführen. Aber ich hatte ja B. dabei, die hilflos war, weil sie nichts sehen konnte. Plötzlich zuckte sie stark zusammen und sank in meine Arme. Dann rief sie: ’Ja seht ihr denn nicht? Da vorne im Gebüsch!’ Ich sah niemanden. Aber offensichtlich war Barbara wieder von so einem. Nadlergeschoß getroffen worden. Sie hing an meiner Seite und wurde schwerer. Einige hundert Meter weiter bellte plötzlich ein Hund. Peter sagte: ’Da sind sie wieder.‘ Dann rief er: ’Hannes, lauf zur Wohnung und hol den Stein!’ Ich verstand nur noch Bahnhof, wollte aber unbedingt aus der Gefahrenzone heraus. B. war nahe an der Bewußtlosigkeit. Dann kam Hannes zurück. Er gab P. einen Stein. Dieser tat nun etwas völlig Absurdes. Er hielt ihn in die Höhe und murmelte etwas, was ich nicht verstand. Wir waren mittlerweile einige Meter weiter gegangen, und der Hund verstummte plötzlich.

Dies alles kam mir reichlich merkwürdig vor, aber ich stellte keine Fragen.“

Mit einem Mal hören Barbaras Zuhältererlebnisse auf. Das unvermittelte Ende der Bedrohung bleibt so rätselhaft wie ihr Beginn und ihr Grund, aber wieder stellt Michael R. keine Fragen. Nach und nach wird sein Blick von Barbara H. und Peter P. auf die noch undeutlichen Umrisse von etwas weitaus Entsetzlicherem gelenkt. Man fragt ihn nach seinen Gedanken über Seelenwanderung, Hexenverbrennungen und Atlantis und versucht seiner offenkundigen Ignoranz mit behutsamen Erklärungen abzuhelfen. Freundlich, doch zunächst ohne innere Teilnahme, gelegentlich auch mit dem nachsichtig verschwiegenen Gefühl, die beiden anderen seien vielleicht übergeschnappt, hört sich Michael R. die neuen Geschichten an. „Sie interessierten ihn nicht besonders“, stellt später das Schwurgericht fest, „weil er durch die Auseinandersetzung mit den Zuhältern voll ausgelastet war.“

Dies ändert sich in den folgenden Wochen umfassend. Die Welt des Polizeimeisters Michael R. wird eine andere. Die Schatten der Gespenster, die sein Bewußtsein verdunkeln, werden länger.

„.. .gebiert Ungeheuer.“

Unaufhaltsam löst sich aus Barbara H.’s und Peter P.’s Erzählungen vor dem inneren Blick des Michael R. ein Pandämonium und wächst in die Wirklichkeit seines Alltags. Sie seien, so erfährt er, alle drei vor 12 000 Jahren in die Ursache des Untergangs von Atlantis schuldhaft verstrickt gewesen. Barbara habe sich geweigert, die ihr bestimmte Ehe mit dem Herrscher von Atlantis zu schließen. Zur Strafe sei sie jener Gottheit der Finsternis als Opfer ausgeliefert worden, der man Jahrtausende später den Namen „Teufel“ gegeben habe. In Wahrheit sei diese Urform des Bösen eine Kreatur, die „Katzenkönig“ heiße. In Atlantis habe sie sich noch in menschlicher Gestalt gezeigt, sich jedoch nach und nach in das Äußere einer monströsen Katze verwandelt, der als grausige Reminiszenz anstelle einer ihrer Pfoten eine menschliche Hand geblieben sei. Michael R. habe mit Peter P.’s Hilfe Barbara damals vor dem Zugriff des Katzenkönigs gerettet. Die Wut des Ungeheuers sei danach durch noch so viele Menschenopfer nicht zu besänftigen gewesen: In einer gewaltigen Katastrophe habe es Atlantis untergehen lassen.

Ihre, der drei Schuldigen, Seelen hätten sich zur Sühne geschworen, der Menschheit immer dann zu Hilfe zu kommen, wenn sie in Gefahr sei. „Im Laufe der Jahrtausende“, heißt es im Urteil des Schwurgerichts, „seien sie daher auch bereits mehrfach hilfreich in Erscheinung getreten, u.a. als Maria und Josef, Johannes der Täufer und Graf Salentin vom Geschlecht Sayn-Wittgenstein. Auch der Angeklagte P. sei in einer ähnlichen Funktion zur Erde zurückgekehrt, und zwar als Papst Pius III.“

Nun sei der Katzenkönig wieder auf der Erde und bedrohe die Menschheit erneut. Unübersehbar sind die Indizien: Soeben ist das Reaktorunglück von Tschernobyl passiert, ein dritter Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, täglich geschehen Katastrophen. Das Ziel des Katzenkönigs sei deutlich: Vernichtung alles menschlichen Lebens.

Gott habe angesichts dieser Gefahr die Seelen von Barbara H., Michael R. und Peter P. als Reinkarnationen zur Erde zurückgesandt, um den Katzenkönig zu bekämpfen. Dieser hause vorwiegend im sauerländischen Möhnesee. Auch auf einem in Seenähe tief im Wald versteckten Friedhof, an den Gräbern dreier Kinder, halte er sich auf. Dorthin habe man jetzt allnächtlich zu fahren und durch Opfer und Rituale den Katzenkönig in Schach zu halten. Tagsüber werde diese Aufgabe von mächtigen Verbündeten erfüllt: den vier Erzengeln und dem Grafen Salentin, die übrigens mit Barbara in Verbindung stünden und durch sie als Medium Botschaften und Befehle übermittelten.

Noch wird das neue aus den Spukgeschichten aufsteigende Weltbild des Michael R. hier und da bedrängt von Zweifeln. Doch dann treten Ereignisse ein, die mit der Evidenz von Beweisen die Wirklichkeit des Schreckens beglaubigen. Eines beschreibt das Urteil des Schwurgerichts so:

„Bei einem Besuch des alten Friedhofs mit den drei Kindergräbern erklärten ihm die Angeklagten H. und P. zunächst, ein Doppellaut, den er ursprünglich nicht wahrgenommen hatte, sei die Stimme der Medusa, eines Ungeheuers mit Spinnenkörper. Nachdem die Angeklagte H. auf dem Friedhof von dem Katzenkönig ,in seinen Bann genommen‘ worden war, mußten sie sie, damit letzterer von ihr abließ, gewaltsam von dem Friedhof ziehen. Anschließend fuhren sie zur Staumauer des Sees, an der die Angeklagte H. erneut von dem Katzenkönig ,in Besitz genommen‘ wurde und deshalb versuchte, den Wagen zu verlassen. Als ihr dies nicht gelang, da P. und R. sie festhalten mußten, meinte R. zu beobachten, daß aus ihrem Kopf ein weiterer Kopf austrat, der ihre Gesichtszüge trug. Dieser Geisterkopf soll sich ein Stück von ihrem wirklichen Kopf entfernt haben, weshalb er nicht gewußt haben will, welchen Kopf er anschauen sollte und weshalb er in ihre Augen blickte, die ihm böse erschienen und vor denen er sich fürchtete.“

Andere Zeichen treten auf und knüpfen das Netz der Mystifikationen, die seinen Verstand umspinnen, dichter. Einmal, als er nach einer Opfernacht am See gegen das Gebot der Erzengel, zu wachen, vor Erschöpfung einschläft und durch diesen Verstoß den Tod von 50 Helfern der Engel verursacht, spricht Barbara über ihn einen Fluch. Fremd und drohend klingt ihm die magische Formel: „Io essera et colera.“ Da verspürt er im ganzen Körper eine rasende zentrifugale Bewegung; ihm ist, als würden seine Nerven abgelöst und träten in zerfetzten Fasern aus seiner Haut. Zitternd, mit einem letzten Aufbäumen seines eigenen Ich, verstößt er bewußt gegen ein weiteres Verbot der Erzengel: Er zündet sich eine Zigarette an. Sein Blick sucht den Barbaras – und flieht entsetzt vor zwei starrenden Katzenaugen. Er bemerkt, wie sie je zwei Finger mit einer ruckartigen Bewegung in gekreuzter Form gegeneinander führt, und verspürt im selben Moment einen solchen Schlag im Herzen, daß er glaubt, sterben zu müssen.

Die letzten Zweifel an Barbaras dämonischer Mission verstummen. Das Labyrinth, in das sie ihn irren ließ, gibt ihn nicht mehr frei.

Und plötzlich erhält sein tristes, lächerliches Leben einen heroischen Sinn: Er will der Sache Gottes dienen. Auf Barbaras Wunsch läßt er sich taufen; in das Kirchenbuch schreibt er: „Hilf allen, denen geholfen werden muß.“ Seinen Polizeidienst läßt er verkommen. Vor den Kollegen gesellt sich zu seiner Lebensrolle als Hanswurst die des gehaßten Parasiten. Aber die Frage seines persönlichen Glücks spielt keine Rolle mehr. Das Geld, das er verdient, verwendet er bereitwillig zur Sicherung des Lebensunterhalts auch der beiden anderen, die Sozialhilfeempfänger sind.

Nahezu jede Nacht fährt man an den Möhnesee. Zu Michael R.’s Aufgaben, die von den Erzengeln und dem Grafen Salentin während der Trancezustände Barbaras und durch ihren Mund kundgetan werden, gehört vor allem das Durchschwimmen des Sees in voller Bekleidung: ein Opferangebot an den Katzenkönig, der ihn in die Tiefe ziehen kann, aber mit jeder erfolgreichen Rückkehr des Polizeimeisters eine Niederlage erleidet, die den Fortbestand der Menschheit für eine Weile gewährleistet.

Gleichwohl häufen sich die Fehler, die er in seiner wachsenden Erschöpfung beim Kampf gegen den Katzenkönig begeht. In Alpträumen erfährt Barbara von den schrecklichen Folgen seiner Irrtümer: Die Engel und Graf Salentin werden von dem Katzenkönig gefoltert, ihre Helfer getötet. Michael R. gibt sich Mühe; er tut die ihm auferlegte Buße, verbringt Stunden allein und zitternd auf dem Friedhof. Einmal fühlt er, wie eine gierige Umklammerung aus dem Boden ihn in die Erde zu ziehen droht. „Während er anschließend“, so heißt es im Urteil des Schwurgerichts, „ängstlich und betend auf dem Friedhof ausharrte und das Näherkommen der Medusa zu hören glaubte, wurde von den übrigen mittels eines Recorders Musik der Schlagersänger Adriano Celentano und Juliane Werding gehört, weil beide, wie sie, eine besondere Beziehung zu Atlantis haben sollten.“

Ein anderer Fehler Michael R.’s führt zur Vernichtung Graf Salentins durch den Katzenkönig. Furchtbar erschrickt der Polizeimeister anschließend auf dem Friedhof vor Barbaras jammerndem Schrei: „Mörder, Mörder!“

Im April 1986 erhält Barbara H. eine niederschmetternde Nachricht : Udo N., das Ziel ihrer einzigen, in Jahren der Trennung auch vom Vergessen nicht erlösten Sehnsucht, hat sich verlobt und will demnächst heiraten. Der häufige Besuch der Kindergräber am Möhnesee hat die unvernarbte Wunde in Barbaras Leben – die Abtreibung und die anschließende erotische Erstarrung – empfindlich gehalten. Nun bricht der alte, unter einem verwilderten Seelenleben mühsam verdeckte Schmerz hemmungslos hervor. In ihrer Hilflosigkeit fällt ihr die lächerliche Vergeltungsmaßnahme ein, sich mit dem ungeliebten Michael R. zu verloben. Den deshalb eifersüchtig verzweifelten Peter P. tröstet sie mit vermehrter Zuwendung und verletzt damit wieder Michael R. tief. Die sexuelle Distanz zu beiden vermag sie weiterhin nicht zu überwinden.

Ihre Verdrängungsanstrengungen sind aussichtslos. Verbissen in ihr Innerstes durchsetzt ein wütender Schmerz ihr ganzes Denken und Fühlen. Undeutlich steigen aus dem Untergrund ihrer Seele die Umrisse einer Lösung auf und formen sich, nach einer zufälligen Begegnung mit Udo N. und seiner Braut, zum Plan: Die Frau soll sterben. Der über Monate gewachsene und hermetisch gewordene Wahn des Michael R. erhält eine furchtbare Richtung, von der er selbst nichts ahnt: Er soll die Frau töten.

In den folgenden Wochen nehmen trotz seiner Anstrengungen die Fehler, die er im Kampf gegen den Katzenkönig begeht, dramatisch zu. An einem Abend Anfang Juli 1986 verfällt Barbara in Trance; es ist Salentin, der ihre Hand führt, als sie auf einen Zettel schreibt: „Ein Mann tötet eine Frau; wie tötet man eine Frau.“

Peter P., der den Zettel vorliest, begreift sofort den Zusammenhang. Er kennt Barbaras Haß auf Udo N.’s zukünftige Frau. Er sieht, auf welche Weise das wahnhafte Erlöserbewußtsein des Michael R. in einen realistischen Vernichtungsplan eingefügt wird; er fühlt den quälenden Stachel der Eifersucht gegenüber Barbaras „Verlobtem“; er beruhigt schließlich sein Gewissen: jeder müsse selbst entscheiden, was er tue; und er schweigt. Später beginnt er, Barbaras Plan zu unterstützen, ohne je ein Wort mit ihr darüber zu sprechen.

Nacht für Nacht fährt man weiter zum Möhnesee. Der vollkommen erschöpfte Polizeimeister ahnt das heraufziehende Verhängnis und gibt sich verzweifelte Mühe. Vergebens. Die Bedrohung der Menschheit durch den Katzenkönig wächst. Am 23. Juli 1986, zwei Tage vor Udo N.’s Hochzeit, verfällt Barbara erneut in Trance und schreibt auf einen Zettel die Botschaft des Erzengels Michael: Nur noch ein Menschenopfer könne den Katzenkönig besänftigen; getötet werden müsse die Braut des Udo N.; ausersehen als Täter und damit als Retter der Menschheit sei Michael R.

Der Polizeimeister stürzt ins Bodenlose. Mit tragischer Wucht erfährt er den Konflikt, etwas Entsetzliches tun zu müssen oder durch sein Unterlassen ein vielfach Entsetzlicheres zu verschulden. Peter P., an den er sich hilfesuchend wendet, gibt ihm den wahrhaft delphischen Rat, alles sehr ernst zu nehmen, und weiß dabei, was es sein wird, das der andere ernst nimmt. Verstört sucht der Polizeimeister Auswege. „Du sollst nicht töten!“ hat er vor seiner Taufe gelernt; aber gegen die Logik, daß der Erzengel ihm in Gottes Auftrag den Befehl erteilt und ihn damit von dem 5. Gebot suspendiert habe, kommt er nicht an. Da fällt wie ein Lichtstrahl in das Dunkel seiner Seelennot ein Gedanke: Sich selbst, Michael R., wird er töten, um den Katzenkönig zu beruhigen. Doch sein Schicksal ist ohne Erbarmen: Sein Tod werde, das weiß Barbara von den Erzengeln, nicht helfen. „Das muß“, sagt ihm Peter P., „gemacht werden, das siehst du doch.“

Er sieht es. Vor einem Bildnis Christi schwört er, Gottes Befehl auszuführen. Aber er hält sich für außerstande, einen Menschen zu töten. Er beginnt immerhin, seine Angelegenheiten zu ordnen, bezahlt seine Schulden und bedenkt notwendige weitere Schritte.

„Sie hatten alle eine besondere Eigenschaft; je endgültiger sie wurden, desto abscheulicher und dümmer erschienen sie ihm. Trotz des qualvollen inneren Kampfes, den er führte, konnte er doch die ganze Zeit nicht an die Durchführbarkeit seiner Pläne glauben. ... Indessen war, wie man meinen sollte, die ganze Analyse im Sinne der moralischen Lösung der Frage von ihm doch schon ins reine gebracht; seine Kasuistik war so geschärft wie ein Rasiermesser, und er fand in sich selbst keine klaren Entgegnungen mehr.“

Das ist nicht aus dem Urteil des Schwurgerichts Bochum. Es ist aus einem Roman Dostojewskis. Die Rede ist von Raskolnikoff, dem Mörder, der mit einer monströsen Rationalität seine Moral liquidiert, wie der Polizeimeister Michael R. mit einer monströsen Moralität seine Vernunft. Von Peter P. leiht er sich ein Messer und verfällt für Tage in brütendes Schweigen.

„Der letzte Tag aber“, heißt es bei Dostojewski, „der so unerwartet eintrat und der alles mit einem Male zur Entscheidung brachte, wirkte auf ihn fast rein mechanisch: wie wenn ihn jemand an der Hand genommen und unwiderstehlich, blindlings, mit einer übernatürlichen Kraft nach sich gezogen hätte, ohne Widerrede, ganz als wäre er mit einem Zipfel seines Rockes in das Rad einer Maschine geraten und mitgerissen worden.“

Am 30. Juli 1986, gegen halb elf Uhr nachts, klingelt der Polizeimeister Michael R. an der Tür zur Wohnung der Blumenhändlerin Annemarie N. in Bochum. Etwas später sagt er auf ihre Nachfrage: ja, er habe etwas gutzumachen. Er denkt an Milliarden Menschen, die sterben müssen, wenn sie am Leben bleibt. Und stößt zu.

Das Urteil

„Die 7. große Strafkammer des Landgerichts Bochum – Schwurgerichtskammer – hat... in der Sitzung vom 21. Dezember 1987 für Recht erkannt:

Die Angeklagten R., H. und P. sind des versuchten Mordes schuldig.

Es werden verurteilt:

Die Angeklagten H. und P. zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Der Angeklagte R. zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren. Seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus wird angeordnet.“

Das Strafmaß ist in allen drei Fällen trostlos. Richtig ist lediglich die Unterbringungsanordnung. 140 Seiten braucht das Gericht, um seine Entscheidung zu begründen. Es gelingt ihm nicht. Wäre das Urteil, was es nicht ist: juristisch haltbar, es wäre noch trostloser: Ausdruck der Lage des Lebens vor der Justiz – seiner Niederlage.

Der Einwand richtet sich nicht gegen die rechtlichen Konstruktionen, mittels derer das Schwurgericht den komplizierten Tathergang unter juristische Kategorien subsumiert hat. Im Gegenteil; mit Recht hat der Bundesgerichtshof insofern Sorgfalt und Scharfsinn der Urteilsbegründung anerkannt. Aber in allen drei Fällen ist das Maß der verhängten Strafe so unerträglich, wie es juristisch unhaltbar ist. Weder unter positiv-rechtlichen, noch unter Gerechtigkeitsaspekten entspricht es dem Maß der jeweiligen persönlichen Schuld. (Vergleiche dazu Kasten)

Gustav Radbruch, einer der bedeutenden Rechtsphilosophen dieses Jahrhunderts, schreibt in einem Aufsatz über den großen Kriminalisten Feuerbach: Ein guter Jurist könne nur sein, wer es mit schlechtem Gewissen ist. Die Vorsitzende Richterin der Schwurgerichtskammer in Bochum ist – das bestätigen alle, die sie kennen – eine ausgezeichnete Juristin. Ihrem Gewissen ist am vergangenen Donnerstag der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs zu Hilfe gekommen: Er hat alle drei Strafzumessungen des Urteils im Katzenkönigsfall aufgehoben und zur erneuten Verhandlung an eine andere Kammer des Landgerichts Bochum zurückverwiesen.