Von Rainer Schauer

In sorgfältig berechnetem Gefälle schoß das Wasser durch den engen Kanal auf die hölzernen Blätter des gewaltigen Mühlrades. Und das Rad begann sich langsam zu drehen. Und es drehte sich schneller und schneller, und ein leichtes Vibrieren durchlief die Sägemühle. Das war im Sommer 1982, aber so muß es auch vor über hundert Jahren gewesen sein, damals, als sich zum erstenmal durch die Kraft des Wassers die eisernen Sägezähne in die Fichten- und Buchenstämme des Frankenwaldes fraßen.

In jenem Sommer 1982, als die restaurierte „Schneidmühle am Hochofen“ wieder in Bewegung gesetzt wurde, da sprach Werner Doll, der Bürgermeister von Stadtsteinach im Frankenwald, viel von dem wiedererstarkten Gefühl „Heimat“, sprach von der engen Verbindung zu dem Tal, zu dem alten Bach, zu dem Steinachflüßchen im Frankenwald, wo sie sich in der Nachkriegszeit mit der Hand die Forellen aus dem Bach geholt hatten. Und deshalb, sagte der Bürgermeister, könne das Thema „Industriedenkmal“ auch nicht mit bilanziellem Gewinn/Verlust abgehandelt werden. Und seine Erinnerung ging zurück zu den Müllern und Sägern, zu den Pionieren der industriellen Entwicklung.

1870, im Jahr von Sedan, drehten sich noch über 150 Sägemühlen im Frankenwald; Getreidemühlen kamen hinzu. Nur die Hammermühlen, die Waffenschmieden des Mittelalters, die wuchteten nicht mehr ihre zentnerschweren Hämmer auf das glühende Erz, so wie es früher üblich war in den einsamen Tälern des großen Waldes zwischen Fichtelgebirge und Thüringer Wald. Das Sterben der von Wasserkraft getriebenen Mühlen begann in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts. In den Volksschulliedern aber lebte die Romantik weiter, die Sehnsucht nach der klappernden Mühle am rauschenden Bach.

„Deshalb soll unsere Schneidmühle am Hochofen laufen, um zu leben, nicht um Geld zu verdienen.“ Werner Doll sprach’s und fügte hinzu: „Sie soll die Menschen, die Bauern, die Besucher und Urlauber glücklich machen, die sich den Sinn für das harmonische Geräusch eines plätschernden Wasserrades oder das kräftige Surren des Gatters in einem stillen Tal bewahrt haben.“

Ähnlich dachte auch der Unternehmer Martin Bayerschoder aus der Frankenwaldstadt Kronach, als er den „Verein zur Erhaltung der Frankenwaldmühlen“ gründete. „Wir müssen“, sagt Bayerschoder, „die Mühlen erhalten, damit unsere Nachfahren sehen, wie die Alten einmal ihr Geld verdienten.“

Die Teichmühle am Leitschbach in Steinwiesen hat Bayerschoder in selbstloser Zusammenarbeit mit dem Kronacher Kreisbaumeister Michael Kestel restaurieren lassen – ohne große öffentliche Unterstützung. Weitere vier Mühlen wollen Kestel und Bayerschoder in Steinwiesen vor dem Verfall retten. Teuer ist das. Die Renovierung der Stadtsteinacher Mühle verschlang knapp 400 000 Mark.