Von Rudolf Kahlen

Die Diskussion war für den Nachmittag angesetzt, sie dauerte bis weit in den Abend hinein. Bernhard Schramm, der Verbandspräsident der Volks- und Raiffeisenbanken, hatte nach Bonn ins Steigenberger Hotel eingeladen. Achtzig Spitzengenossen sollten dort ein 45 Seiten umfassendes Strategiepapier der Deutschen Genossenschaftsbank (DG Bank) diskutieren, in dem Vorschläge für eine Neuordnung der gesamten Bankengruppe gemacht werden.

Als erster erhielt Helmut Guthardt das Wort. Der DG-Bank-Chef erklärte der versammelten Runde in groben Zügen, warum er das bislang dreistufige genossenschaftliche Bankensystem in ein zweistufiges wandeln möchte, so daß in der Hierarchie auf die 3480 Volks- und Raiffeisenbanken sowie Spar- und Darlehenskassen „vor Ort“ nicht mehr fünf regionale Zentralbanken folgen und dann erst die DG Bank als Spitzeninstitut der Gruppe. Nach Guthardts Vorstellungen sollen vielmehr die derzeit noch unabhängigen Zentralbanken zu Hauptverwaltungen seines Hauses umfunktioniert und somit Teil eines „gemeinsamen Oberbau-Instituts“ werden.

Der Plan ist heftig umstritten und teilt die Genossen in zwei Lager. Schützenhilfe bekommt Guthardt von Arnold Kremer, dem Chef der Südwestdeutschen Genossenschafts-Zentralbank, und seinem Kollegen Gerhard Barner von der Norddeutschen Genossenschaftsbank. Beide sind davon überzeugt, daß mit der Zweistufigkeit Kosten gespart und höhere Erträge erwirtschaftet werden können.

Die Riege der Gegner führt Eberhard Heinke an, der Vorstandsvorsitzende der Westdeutschen Genossenschafts-Zentralbank in Düsseldorf. Ihm zur Seite steht Hansgeorg Degen von der Genossenschaftlichen Zentralbank in Stuttgart. Die Basis, auf die sich Heinke und Degen stützen können, sind in beiden Geschäftsgebieten insgesamt 1200 Kreditgenossenschaften: Die hätten „mit überwältigender Mehrheit für die Beibehaltung ihrer autonomen regionalen Zentralbanken und gegen die Fusion mit der DG Bank“ votiert.

Die Aussprache in Bonn konnte beide Seiten nicht zusammenführen. Einig sind sich alle Beteiligten nur in einem: „Die Vorschläge von Herrn Guthardt“, so hieß es nach dem Treffen, „sind – wenn überhaupt – nur ein erster Entwurf, an dem sich noch einiges ändern wird.“

Der Entwurf lag dieser Tage bei allen 3400 Kreditgenossenschaften in der Post. Zwischen Flensburg und Berchtesgaden sitzen jetzt die Vorstände über dem Papier. Auf Seite 29 werden „alternative Wege zu einem gemeinsamen Oberbau-Institut“ aufgezeigt: Im „Modell I“ kauft die DG Bank den Zentralbanken ihre Bankgeschäfte einfach ab. Das sei „im Rahmen des vorhandenen Eigenkapitals“ durchaus möglich. Als optimale Lösung jedoch stellt Guthardt das „Modell II“ vor, wonach die Bankgeschäfte auf gesellschaftsrechtlichem Wege übertragen werden sollten. Die regionalen Zentralbanken übertragen ihre Aktiva und Passiva auf die DG Bank und erhalten dafür im Gegenzug eine entsprechende Beteiligung am neuen Oberhaus. Die DG Bank wäre mit einem Schlag ein äußerst kapitalstarkes Bankinstitut mit einer stolzen Bilanzsumme.