Von Heinz Josef Herbort

Wenn Albrecht Dürer 1495 – er war soeben aus Venedig zurück und hatte in Nürnberg eine eigene Werkstatt eröffnet – schon das Fernsehen zur Verfügung gehabt hätte: wie wäre da wohl die drei Jahre später erschienene „Apokalypse“ ausgefallen? Knappe fünfhundert Jahre später hat jetzt ein englischer Komponist den verwegen irrealen Conditionalis weitergesponnen und zu beantworten versucht – in einer Oper. Nein, kein sogenanntes medienspezifisches Singdrama für den Bildschirm, sondern für die ganz normale Staats(Stadt)theater-Bühne (und sogar in deren Auftrag) eine komische Oper – „selbst wenn der Humor schwarz ist, sollte er einen Hauch von Leichtigkeit haben“. Ein televisionäres Element freilich spielt in dieser Oper eine wesentliche Rolle: das commercial, die Werbe-Einblendung. Und die hat hier direkt mit Dürers „Apokalypse“ zu tun.

Das Posaunenthema gleich zu Beginn des „Prologs“: dessen ersten vier Töne sind identisch mit dem Beginn der „Promenade“ aus Mussorgskijs „Bildern einer Ausstellung“. In der Tat folgen nun achtzig Minuten einer Ausstellung von lebenden Bildern, so zwar, daß uns daran zunächst nur die kleinen Geschichtchen zu interessieren scheinen: von der beleidigten Besorgtheit der gluckenhaften Mutter über ihren widerspenstigen, offenbar auch bettnässenden Sohn („Alles hab’ ich ihm geopfert, und so dankt er es mir“); von den bornierten Autoritätsansprüchen eines Law-and-order-Vaters, den selber nur die Freizeit-Glotze interessiert; von den zickigen Hürchen-Attitüden der älteren Schwester und dem lässigen Sadismus des jüngeren Bruders – Szenen eines Familien-Alltags irgendwo und überall. Der elitebewußte Schulleiter kommt mit wohlfeilen Mahnungen, der händeringend sich windende und bei der Erwähnung des Namens Jesu in flötende Kantilenen ausbrechende Pfarrer und der mit der Psychiatrie drohend winkende Doktor – „So paß Dich an ... dann kann man auf Dich bauen... Hier liegt die Saat für Deinen Wohlstand und für Dein Glück“: die Mentalität der ganz normalen Bürgerlichkeit, der mit christlicher Wohlanständigkeit verbrämte egozentrische Spießigkeitsmuff.

Eigentlich könnte es so weitergehen. Wenn da nicht die Katze wäre, die die Aktionsfäden gezogen – und dabei allmählich ihr Schmusetierchen-Gesicht in die Fratze eines Drachen verwandelt hatte. Diese Maske reißt sie sich nun vom Schädel und stülpt sie dem „Sohn“ über – und siehe da: wir sahen nur den Rücken einer Schaufensterpuppe. Deren solcherart in Mitleidenschaft gezogener Kopf kann nur protestierend explodieren – Ende des Prologs, die „Auferstehung“ des Menschen kann beginnen.

Die wird in die Wege geleitet durch vier Chirurgen, die sich zunächst das Gehirn – den Intellekt oder auch die politische Existenz – vornehmen; dann das Herz – die Emotionen, vielleicht auch die Religion; schließlich die Genitalien – die geheimen Wünsche, Triebe, Verklemmtheiten, die Vitalität. Dermaßen „kuriert“ kann unser Held zu einer neuen Existenz erweckt werden und das „Lied der neuen Auferstehung“ singen. Die Frage ist nur: auferstanden wozu? Ein Erzengel – ein Antichrist allerdings – verkündigt uns die „frohe“ Botschaft: „Ich bin bloß Werbung“.

Diese entlarvende Behauptung ist freilich nur die Bestätigung unserer schon früh gehegten und mit fortschreitendem Stück sich festigenden Vermutung. Da war, schon gleich als Mama dem Sprößling etwas von sugar puffs und pig’s fry vorschwärmte, oben über der Bühne auf einem riesigen Bildschirm eine von diesen Musterküchen sichtbar geworden; ein schulterfrei miniberocktes Girl, wie wir alle es gern an unserem Herd hatten, hatte eine große Pfanne geschwenkt, die Kamera war auf die Ölflasche mit dem von nun an abendfüllenden Signet zugefahren, und ein „Electronic Vocal Quartet“ hatte uns von „Joe Cannons Speiseöl“ vorgeschwärmt: „nur erlaubte hyperaktive Saturate eine Offenbarung... wird Ihr ganzes Leben verwandelt“. Vierundzwanzig solcher commercials sind in die Geschichte von der „Auferstehung“ eingeblendet – Werbesprüche/Videos für Speiseöl und Zahnpasta, Magenpillen und Kondome, Sprays und Särge, Whisky und Schwangeren-Haute Couture, luxuriöse Toilettendeckel und SM-Accessoires. Aber auch, langsam nähern wir uns der Apokalypse, für den Schinken von einem Schwein mit sieben (!) Hauern und sieben Augen, das ein Fähnchen im Arm hält – und nebenan ist, als Rückprojektion, das berühmte Lamm Gottes zu sehen; für ein Steckenpferd – als Pendant zu den apokalyptischen Reitern; für modische Särge samt Ausstattung – mitten zwischen den vier Euphrat-Engeln; für Investitionen in Immobilien-Fonds – konfrontiert mit dem „neuen Jerusalem“.

Was für den Gottesfürchtigen des Mittelalters das Tafelbild oder der Holzschnitt, ist für den Weltsüchtigen des ausgehenden Jahrtausends das Fernsehgerät, genauer: dessen Illusion einer anderen, unsere mit Frust und Qual und Scheitern angefüllte Wirklichkeit transzendierenden Schein-Realität. Auferstehung: das wäre danach die Wiedergeburt zu einem von Konsum und Prestige, von Luxus und Unabhängigkeit, von Gesundheit und Genuß, von der „neuen Ordnung“ bestimmten Leben. Und so singt denn auch das „Lied der neuen Auferstehung“: „Wenn Du nicht an mich glauben kannst, winkt keine Hoffnung Dir.“ Ob man es nun konterkarieren oder interpretieren, ironisieren oder persiflieren nennen mag: Jede der drei Dimensionen des Bühnengeschehens wirft auf die beiden anderen sein Licht und seinen Schatten – und plötzlich hat sich Dürers vorwiegend im Glaubensbereich sich manifestierender moralischer Appell in unser alltägliches Leben hineingeschlichen, wird durch die doppelte Brechung von Glauben und Wirklichkeit unser unreflektierter Konsum-Alltag durchleuchtet, bekommen unsere stillen wie offenen Wünsche eine neue Verbindlichkeit, ist unsere bürgerliche Normalität infrage gestellt und sehen wir uns selber im Spiegel. Aber nachdem wir an diesem Abend so sehr auf das Doppel- und Dreifachbödige zu achten getrimmt wurden, werden wir auch hinter allen Aussagen noch ein augenzwinkerndes „Ist es so?“ vermuten.