Von Fritz J. Raddatz

Die Schlacht um Stalingrad haben sie verloren; das bedauern die lieben Deutschen offenbar noch immer wie ihren „Zusammenbruch“; so nennen sie Hitlers Ende.

Eine hohe Buchauflage ist so selbstverständlich ein „Bombenerfolg“, wie das Tempo, ihn zu erzielen, ein verlegerischer „Schnellschuß“ ist; hat der Verlag (der Autor) Glück, dann schlägt der Roman „wie eine Granate“ ein. Eine „Sex-Bombe“ ist nicht etwas, wovor man in Deckung geht – sondern eine Dame, der man sich gerne entdeckt. Der deutsche Mann, wie er leibt und lebt; wohl mehr leibt. „Language is a virus“ hat mal ein kluger Mann gesagt. Die Deutschen – zumal jene, die unter Adolf gedient haben – leiden unheilbar an der Rommel-Influenza.

Wie bei aller Sprachverschluderung geht der Spiegel – laut Eigendefinition ein „Sturmgeschütz der Demokratie“ – mit bösem Beispiel voran. Unser verehrungswürdiger Opernkritiker Augstein, im Nebenberuf Spiegel-Herausgeber, führt die militärische Blaskapelle an. Dem Historiker Nolte empfiehlt er einen „geordneten Rückzug“ (im selben Artikel einen „nun überfälligen Rückzug“); er analysiert dessen „Zangenbewegung zwecks Einkreisung“ (des Kommunismus) und denkt im selben Zusammenhang an eine „Entlastungsoffensive“. Leutnant war man nie vergebens. So durchzieht wie die Adern den Marmor dieses „Feuer frei“-Vokabular das Montags-Journal. Die Redaktion warf ihrem Herausgeber in der Barschel-Affäre vor, er habe „Feuer auf den eigenen Graben gegeben“. So kann man journalistische Arbeit auch verstehen. Da wird dann auch als Literaturkritik ausgegeben, wenn man über ein Buch schreibt: „Eine halbe Million Mark hat der Verlag an breiter PR-Front eingesetzt, eine Erstauflage von 150 000 Stück in die Schlacht geworfen.“ Die Front und die Schlacht – des deutschen Mannes schönstes Erlebnis. Referiert der Spiegel das Bemühen anderer Zeitschriften um den angelsächsischen Markt, dann heißt das „Schlacht um England“ und „Verkaufsfront“.

Daß FAZ und Welt bei diesem Kommandolärm nicht hintan stehen mögen, versteht sich; man läßt sich nicht zufällig gerne Axel Springers „Flaggschiff“ nennen. Nun hat diese Barke ja etwas so Rares wie Ulkiges – einen Kulturteil ohne Kultur. Vergreift man sich dort mal versehentlich an einem Lyrikband, so heißt die Rezension „Patronengürtel der Erinnerung“. Wird über innenpolitische Spannungen im Iran berichtet, dann ist da natürlich „Sprengstoff gebunkert“, und hat ein Fleischhändler Kälber mit Hormon präpariert, dann ist „das Ende der Fahnenstange“ erreicht. Dafür ist dann in der Tagesschau die Bundesrepublik beim kanadischen Wirtschaftsgipfel am „Ende des Geleitzugs“. Wir entkommen dem Kochgeschirr-Geschepper nie: „Sturmangriffe auf verlorene Posten“ nennt die FAZ Liza Mineiiis Deutschland-Tournee, und Norbert Blüm lobt Freund Geißler, der sei „noch an der Front zu sehen, wenn andere sich schon in der Etappe zum Essenfassen gemütlich niedergelassen haben“.

Erinnert sich denn niemand? Weiß von diesen Tintentätern denn keiner mehr, was von einem Menschen blieb nach einem „Bombenerfolg“? Wie die blutigen Fetzen aussahen nach dem Feuer auf den – egal welchen – Graben? Welche schreienden Reste Mensch nach einem Sturmangriff übrig waren? Die da mit ihren Füllfederhaltern „Präsentiert das Gewehr“ spielen – sie sind nicht nur komisch. Es ist peinigend, wenn ausgerechnet in einem Beitrag über Aids von „Test-Front“ und „rhetorischen Schlachten“ die Rede ist oder davon, daß bestimmte Leute „im Gefecht um Aids in Stellung gegangen sind“. Wer im Glashaus sitzt... Das stand in der ZEIT, wo man auch der Überlegung folgen konnte, ob Reiner Pfeiffer eine „Lenkrakete oder ein ungelenkter Flugkörper“ war, in „Befehlsnotstand“ handelte.

Verwunderlich ist es da nicht, wenn Frau Müller aus Zuffenhausen ihren Rollei-fummelnden Mann vorm schiefen Turm zu Pisa fragt, ob er eine „Ladehemmung“ habe, der Taxifahrer am Hauptbahnhof angesichts einer schmalen Aktentasche sagt „Nur kleines Sturmgepäck heute?“ und der Wursthändler einen nach längerem Urlaub begrüßt „Sie standen schon auf der Vermißtenliste“. Aber da weinte doch mal eine Mutter, wenn ihr Sohn draufstand? Da war doch – bei Ladehemmung – vielleicht ein Bein ab, und der Mann mit dem leichten Sturmgepäck kam nie wieder?

Ich weiß, ich weiß: Sie hatten alle den „Faust“ im Tornister, beim Fahneneid die Lippen nicht bewegt und waren sowieso immer dagegen. An den in SA-Uniform über Hölderlin dozierenden Heidegger erinnert einzig der herrlich hartnäckige Frank Schirrmacher. Aber wieso – Vorsicht: Metapher! – schunkelt eine Nation im Chor „Theo, wir fahren nach Lodz“? Der Ort hieß mal Litzmannstadt.