Von Hans Schuh

Es ist merklich ruhiger geworden um die „Killerseuche“ namens Aids, und dieser stille Trend im Blätter- und Senderwald dürfte sich festigen. Denn jüngst veröffentlichte epidemiologische Daten sind wenig geeignet, die wachsende Zahl der Journalisten mit katastrophilen Neigungen („bad news are good news,,) zur Sublimation in Form gewohnt dramatischer Berichte anzuregen. Im Gegenteil: Die Raten der neuregistrierten Aids-Kranken deuten auf ein gedämpftes Wachstum hin, und die gemeldeten HIV-Infektionen bleiben seit Monaten nahezu konstant. Jedenfalls steigen sie nicht, wie vielfach prognostiziert, exponentiell an.

Ferner belegen HIV-Tests an Tausenden schwangerer Frauen und an weit über einer Million Blutspendern, daß die befürchtete explosionsartige Ausbreitung des Virus in die heterosexuelle Bevölkerung hierzulande nicht stattfindet. Eher dürfte langfristig die besorgte Prognose des renommierten Londoner Epidemiologen Roy Anderson zutreffen, daß es „wahrscheinlich schwierig wird, das öffentliche Interesse wach zu halten angesichts einer sich sehr langsam entwickelnden heterosexuellen Epidemie“.

Soweit wie sein britischer Kollege will Meinrad Koch, Leiter des Aids-Zentrums im Berliner Bundesgesundheitsamt, mit Vorhersagen nicht gehen. Er mißtraut allen langfristigen Prophezeiungen und raffinierten Computerberechnungen und stützt sich lieber auf die zahlreichen Daten, die im Aids-Zentrum eingehen. Aus diesen schließt er, „daß der massive Einbruch in die Gesamtbevölkerung, den ich selbst und viele andere befürchtet haben, bis jetzt nicht erkennbar ist“.

Als Beleg hierfür sieht er mehrere Indizien, die sich mosaikartig zu einem Gesamtbild fügen. So wird etwa die Zahl der neu diagnostizierten Aids-Erkrankungen im ersten Halbjahr 1988 deutlich unter 800 liegen (siehe Grafik). Diese Quote wäre bei der bisherigen, etwa zwölf Monate währenden Verdoppelungszeit zu erwarten gewesen, denn im ersten Halbjahr 87 betrug die Zahl der neu Erkrankten 400. Zwar sind noch bundesweit Nachmeldungen aus den Kliniken für das erste Halbjahr 88 zu erwarten (die Gesamtzahl kletterte seit Ende Juni von 312 auf 384 Ende Juli und dann 416 Ende August.) Aber ein Hochschnellen auf 800 ist nahezu ausgeschlossen.

Dabei hatten die Berliner Aids-Forscher für das erste Halbjahr 88 eher einen beschleunigten als einen gebremsten Anstieg erwartet. Denn seit Beginn dieses Jahres gelten aufgrund einer weltweit neu eingeführten Definition von Aids zusätzliche Symptome als typisch für die Erkrankung – etwa rasches Abmagern oder neurologische Störungen bei HIV-Infizierten. Auch die Nachweis-Kriterien sind weniger streng als bisher. Tatsächlich ergab eine Analyse, daß mehr als 74 der im letzten Halbjahr gemeldeten Fälle auf der erweiterten Definition beruhen, also bei einem Vergleich mit dem Vorjahr abgezogen werden müßten.

Der Mediziner Bernhard Schwartländer, ein enger Mitarbeiter von Koch, betrachtet die abflachende Zunahme der an Immunschwäche Erkrankten noch mit Vorsicht: „Möglicherweise handelt es sich hier um ein Artefakt, ausgelöst durch eine erhöhte Melde-Moral der Kliniken im Vorjahr. Denn wer viele Aids-Patienten vorweisen kann, der darf mit mehr Geld und Stellen rechnen“. Diese mittlerweile äußerst seltene Aussicht im mehr kostendampfenden als -gedämpften Gesundheitswesen könnte durchaus beflügelnd auf manche medizinische „Diagnose“ gewirkt und den Trend verzerrt haben.