ZEIT: Herr Esters, macht der Finanzminister jetzt auf Kosten der Dritten Welt Kasse?

Esters: Ich hoffe nicht. Wir sind uns im Parlament ja weitgehend einig, daß Rückflüsse der finanziellen Zusammenarbeit schrittweise zur Finanzierung neuer Maßnahmen eingesetzt werden sollen. So steht es auch in der Regierungserklärung vom 18.3.1987. Die Rückflüsse dürfen auf keinen Fall in den normalen Haushalt eingestellt werden, sie sollten zusätzlich für die Entwicklungshilfe eingesetzt werden.

ZEIT: Wofür sollen diese zusätzlichen Entwicklungsgelder verwendet werden?

Esters: Sie sollten in erster Linie zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung in den Ländern dienen, aber auch zur Verbesserung der Strukturen in der gewerblichen Wirtschaft. Darüber hinaus sollten den am wenigsten entwickelten Ländern die Schulden erlassen werden. Das ist ja von Fall zu Fall geschehen und soll auch künftig so bleiben.

ZEIT: Also keine generelle Schuldenstreichung.

Esters: Keine generelle, sondern, immer nur eine Lösung von Fall zu Fall. Bei Ländern, die – etwa wie Südkorea – erhebliche Fortschritte bei der Industrialisierung gemacht haben, sollte nicht auf die Rückzahlung verzichtet werden. Anders wiederum ist die Lage für Länder wie die Türkei. Sie erhält jährlich rund 130 Millionen Mark Neuzusagen. Zugleich muß die Türkei im kommenden Jahr bereits 155 Millionen zurückzah- len. Diese Rückzahlungen erhöhen sich bis 1992 auf über 200 Millionen. Es kann nicht wahr sein, daß diese Länder Nettozahler an die Bundesrepublik werden. Für die Türkei sollten wir daher andere Instrumente einsetzen.

ZEIT: Welche Instrumente und weshalb ausgerechnet für die Türkei?