Ja, ich weiß wohl: Berthold Beitz ist umstritten – in seinem Leben hat es mehr „Auf und Ab“ als üblich gegeben. Es gibt hymnische Lobpreisungen; sie wechseln mit bissiger Schelte, da erholen sich die Schreiber von ihrem Lob. Lächerlich, in den gesammelten Presseauszügen zu sehen, wie die Leute voneinander abschreiben. Kaum hat einer eine Lücke entdeckt, stürzt sich die ganze Presse hinein.

Mich kann diese Turbulenz nicht erschüttern. Über Jahre hat der Betrieb der ZEIT nur Schulden eingebracht; mir gehörte jahrelang nicht mehr der Stuhl, auf dem ich saß. Und immer mußte man ein fröhliches Gesicht machen. Aufträge (Beitz für Stahlwerke, ich für Stellen- und Bilanzanzeigen) kriegt nur, wer vergnügt auftritt; nur da werden die Leute locker und geben Geld aus. Vertrauen hat nur, wer gelassen ist, gegeben wird dem, der hat oder zu haben scheint.

Berthold Beitz hat den harten Weg gelernt, in seiner Geburtsstadt Demmin in Pommern. Der Vater war Ulanen-Wachtmeister, hat es nie bis zum Offizier gebracht (bei dem der Mensch vor 1914 eigentlich erst anfing), gerade als „Zwölfender mit Zivilversorgungsschein“ zum Reichsbank-Obersekretär, mühsam also. Alles in der pommerschen Wildnis, weit weg von der Industrielandschaft, die der Sohn später erobert hat. Immerhin hatte der Vater ihm eine Banklehre bei der angesehenen Pommerschen Bank in Stralsund verschaffen können. Die Banklehre galt schon damals als fein – also war der Vater angesehen. Mit 24 Jahren wurde Beitz (1937) schon stellvertretender Bankfilialleiter in der Heimatstadt Demmin, 1938 Angestellter der Organisationsabteilung im Hamburger Shell-Konzern – dahin oder nach Berlin gingen die Pommern und Mecklenburger, denen die Heimat zu klein wurde; die weiter wollten.

1940 wurde Beitz als kaufmännischer Leiter der polnischen Ölfelder Baryslaw in den Karpaten dienstverpflichtet. Da war er, wie die meisten von uns, ein kleines Rad in Hitlers Kriegsmaschine. Aber Beitz nutzte die Stellung, um „seine Leute“, Polen und Juden, vor der Verfolgung durch die Hitlersche Verbrechermeute zu schützen. Beitz’ Erfolge dabei beweisen, daß der Freiraum im Dritten Reich doch oft groß sein konnte.

Die Polen jedenfalls gaben Berthold Beitz nach dem Krieg den höchsten polnischen Orden („Kommandorium mit Stern des Verdienstordens der Volksrepublik Polen“), luden ihn 1958 als Staatsgast nach Warschau ein. Ministerpräsident Tichonow empfing ihn 1985 in Moskau; in Ost-Berlin sprach Beitz mit Günter Mittag (SED-Politbüro) und Erich Honecker. Er trat dabei so souverän auf, daß die von Adenauer (und anderen) anfangs befürchteten Folgen („erkennen wir damit nicht die Gewaltregime an?“) nicht eintraten.

Beitz hat den Osten für uns geöffnet – mit guten Geschäften für Krupp und für unsere ganze Industrie. – Sollte sich das jetzige Chaos in Polen lichten, könnte Beitz noch einmal gebraucht werden für den mühsamen Wiederaufbau der Wirtschaft und die deutsche Hilfe dabei. Das wird uns abermals viel Geld kosten, Beitz würde es gut verwalten.

Nach dem Kriege verkroch sich Beitz in einem norddeutschen Kaff in die nahrhafte Landwirtschaft; wurde – smart, wie er war – von der englischen Besatzungsmacht in die Versicherungsaufsichtsbehörde berufen, turnte sich zum Generaldirektor der Iduna-Germania-Versicherung hinauf. Die katapultierte er vom 16. Platz auf den dritten in der Versicherungswirtschaft (1946 bis 1952).