Von Hajo Steinert

Einige weltberühmte Dichter – mit ihren Ehefrauen und Kindern – vertreiben sich die Zeit in einer ehemaligen Gestapo-Residenz in der Nähe von Prag. Man genießt die schöne Aussicht, verschwatzt den Tag; die Kleinen spielen mit Bauklötzchen, die Männer, zumeist im Präsidium des Weltfriedensrats, besaufen sich am Abend und schmettern am liebsten österreichische Kriegslieder.

Doch schleichen sich auch Mißtöne ein. Der entschieden fremdelnde Amerika-Rückkehrer und Heimatlose Stefan Heym und der Dichter Pablo Neruda geraten aneinander. Ein ideologischer Streit, gar ein literaturkritischer Disput? Nein, schlimmer noch! Es geht um das Eigentum an Produktionsmitteln. Heym hat sich nämlich aus New York eine „Hermes“ mitgebracht, ein „Wunderwerk schweizerischer Schreibmaschinentechnik“. Neruda dagegen müht sich noch mit einer alten „Portable“ ab. Er will, er muß auf der Stelle tauschen.

Doch Heym bleibt stur. „An Nerudas Schläfen zuckt es; in der Stimme jähen südländischen Zorns fragt er, ob S.H. denn nicht wisse, wer er sei. Aber ja doch, erwidert S.H., unverkennbar der große Neruda, dem selbstverständlich immer und überall das Beste zustehe; doch just diese Schreibmaschine brauche er, S.H., für seine eigenen bescheidenen literarischen Versuche.“ Sprach’s, zog sich in die barocken Gemächer zurück und widmete sich wieder den streikenden Bergarbeitern von Pennsylvania im Manuskript.

„Wenig Fleisch um die Knochen“

Zugegeben, diese Begegnung könnte den Eindruck erwecken, bei Stefan Heyms Memoiren handele es sich um nichts als Klatsch und Tratsch. Das sind sie zum Teil auch. Darüber hinaus ist die Szene, so grotesk sie anmutet, in mancherlei Beziehung aufschlußreich für das ganze Buch und seinen Autor. Gegen unsanfte Versuche, ganz gleich von wem und mit welchen Mitteln, ihn am Schreiben zu hindern, mußte sich Stefan Heym ein ganzes Leben lang zur Wehr setzen. Überdies deutet sie eine unzähmbare Lust am Erzählen an, wie wir sie bislang noch nicht von ihm kannten. Er zieht alle Register dieses durchaus anrüchigen Genres „Memoiren“.

Mit altersreifer Selbstironie (allein schon der Titel!), die sich dadurch noch verstärkt, daß Heym von sich in der dritten Person erzählt – aber immer in der Gewißheit, am Ende als Sieger dazustehen, produziert er mit bewundernswerter Kondition Anekdoten, Bekenntnisse, Selbstbezichtigungen, Szenen, dokumentarische Zitate, Grübeleien, Porträtskizzen und naturgemäß auch reines Geplauder. Den zurechtgelegten literaturkritischen Vorurteilen und Einwänden wird da der Boden entzogen.