Von Susanne Scherrer

Neun Monate lang war die 17jährige Schülerin Csilla Molnár ungarische Schönheitskönigin, im Sommer 1986 beging sie Selbstmord. Ein Autor und zwei Filmemacher haben die Hintergründe ihres Todes aufgedeckt; „Schöne Mädchen“, der Film, und „Gott schütze die Königin!“, das Buch, wurden im vergangenen Jahr Publikumsrenner in Ungarn. Kein staatlicher Verlag allerdings wollte das mit akribischer Sorgfalt gesammelte Interviewmaterial herausbringen. Der Autor mußte die Herausgabe seines Buches selbst organisieren.

Das Thema ist brisant: Sándor Friderikusz konzentriert sich auf die wirtschaftlichen Hintergründe des Unternehmens „Miß Ungarn 1985“. Er befragte Organisatoren und Manager, Lehrer und vermeintliche Liebhaber, Freunde und die Familie. Das Schicksal Csilla Molnárs erscheint nicht länger als tragische Verkettung unglückseliger Zufälle, sondern als Röntgenaufnahme des moralischen Zustands einer real-sozialistischen Gesellschaft, die sich in einer Umbruchphase mit ungewissem Ausgang befindet. Zwar haben marktwirtschaftliche Prinzipien in die ungarische Wirtschaft Eingang gefunden, auf die sozialen Folgen von Profitdenken und westlicher Public Relations aber sind die Magyaren nicht vorbereitet.

Budapest im Oktober 1985. Passanten strömen den Eingangstoren des hypermodernen internationalen Kongreßzentrums zu, Millionen Menschen sitzen vor ihren Fernsehern: Nach fünfzig Jahren wird erstmals wieder eine ungarische Schönheitskönigin gewählt. Ein Ereignis, das das Land in einen nationalen Begeisterungsrausch versetzt. Die Wahl der Miß Hungary soll der westlichen Welt beweisen, daß auf ungarischer Erde nicht nur Paprika und Tokajer gedeihen. Auch die Töchter des Landes, so die Botschaft, entsprechen den internationalen DIN-Vorschriften für das weibliche Idealmaß. Auch soll mit Vorurteilen über prüde und verklemmte sozialistische Moralvorstellungen gründlich aufgeräumt werden. Ein großartiger Werbefeldzug marschiert auf seinen Höhepunkt zu.

Dabei wurde die Idee für diese Schönheitskonkurrenz aus rein ökonomischen Überlegungen geboren. Initiatorin: die ungarische Werbefirma „Magyar Media“, ein Ableger des größten staatlichen Pressekonzerns und wie dieser fest in der Hand des gefürchteten wie respektierten ungarischen Pressezaren Norbert Siklósi. Dieser hatte sein geniales Managementtalent schon öfter bei der Organisation devisenbringender Geschäfte durch die Media unter Beweis gestellt. Die so gesammelten Millionen wandern hauptsächlich in die Kasse des auf hohe Subventionen angewiesenen Zeitungs- und Zeitschriftenverlags zurück. Siklósi verschont so das Staatssäckel, und die politischen Machthaber zeigen sich erkenntlich, sie garantieren Siklósi eine fast unbeschränkte persönliche Entscheidungsgewalt in seinem Konzern.

Bei der Abwicklung des Schönheitswettbewerbs war die Media jedoch auf österreichische Entwicklungshilfe angewiesen. Der Chef der Miß-Europa-Corporation, Erich Reindl, ließ einen Mitarbeiterstab der Magyar Media zu Schönheitsexperten ausbilden. Im Sinne der „gegenseitig vorteilhaften Zusammenarbeit zwischen Ost und West“ versprachen die Ungarn den österreichischen Geschäftspartnern die internationalen Exklusivrechte bei der Vermarktung von Ungarns Schönster. Die Media errechnete sich hohe Gewinne durch Werbeverträge mit ungarischen Unternehmen.

Ein listiger Trick sollte die Mädchen zähmen: Noch vor den letzten Vorentscheidungen sandte Media allen Teilnehmerinnen des Wettbewerbs einen Vertragsentwurf zu: Nur Magyar Media habe das Recht, ihre mögliche Karriere zu managen. Nur sie sollte Werbeverträge vermitteln, ja selbst die Honorarhöhe bestimmen. Sollte eine Kandidatin nicht unterschreiben wollen, so drohte man ihr mit dem Ausschluß vom Wettbewerb.