Von Horst Albert Glaser

Die Zensur – sagt man – ist so alt wie die Literatur selber: Schon Plato wollte die Tragödienschreiber hinausjagen lassen, damit sie die Bürger nicht mit ihren Sentimentalitäten verweichlichten. Früher haben Theologen darüber nachgedacht, ob Bücher so publiziert werden dürfen, wie sie geschrieben worden sind, oder Hofmarschälle, ob sie so auf dem Markt bleiben dürfen, wie sie gedruckt worden sind.

In Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes steht zwar: „Eine Zensur findet nicht statt“, aber schon um den Begriff „Zensur“ tobt ein Meinungsstreit. Die Literaturgeschichte kennt zwei Formen von Bücherzensur: die Präventivzensur und die Nachzensur. Die Präventivzensur war viele Jahrhunderte lang die übliche Form der Zensur, das heißt, es mußten Bücher, bevor sie gedruckt werden durften, bestimmten Behörden vorgelegt werden. Es waren dies früher kirchliche Instanzen oder späterhin die Oberhofzensoren des 18. und 19. Jahrhunderts. Nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 durften Bücher, wenn sie weniger als zwanzig Druckbogen umfaßten, nicht publiziert werden, ohne daß eine Zensurstelle das Imprimatur erteilt hätte.

Die Nachzensur betrifft die bereits gedruckten und publizierten Bücher. Sie können eingezogen und vernichtet oder dürfen nur noch auf bestimmten Wegen vertrieben werden. Die deutschen Obergerichte und das Bundesverfassungsgericht definieren Zensur ausschließlich als Präventivzensur, und insofern haben sie recht, wenn sie erklären: Eine Zensur findet in der Bundesrepublik nicht statt. Die Frage ist allerdings, ob die Obergerichte recht haben mit ihrer Definition von Zensur ausschließlich als Präventivzensur. Verleger und Buchhändler, die seit Jahren vielfältige Polizeieinsätze zu bewältigen haben, behaupten jedoch, die Nachzensur sei die heute praktizierte Form von Zensur. Man kann in der Tat sagen, daß seit sechs bis sieben Jahren mehr Bücher erotischen Inhalts beschlagnahmt, respektive auf die „Liste jugendgefährdender Schriften“ gesetzt worden sind als in den sechs bis sieben Jahren vorher. Die liberale Praxis der siebziger Jahre, da Staatsanwaltschaften wenig beschlagnahmten und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Bonn vorsichtiger mit der Liste hantierte, ist abgelöst worden durch eine repressive Phase in den achtziger Jahren.

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels vermeldete am 2. Oktober 1986 beängstigende „staatliche Eingriffe in die Literaturfreiheit“. Durchsuchungs- und Beschlagnahmeaktionen gegen Buchhandlungen fanden statt

am 11.1.1981 in Idar-Oberstein

am 21.10.1981 in Kaufbeuren