Von Georg Peinemann

Alle Buchstaben auf der Schreibmaschine, die normalerweise mein rechter Zeigefinger tippt, muß heute ersatzweise der rechte Mittelfinger übernehmen. Diese schwierige Umstellung habe ich der Tatsache zu verdanken, daß in mir noch heute, im Zeitalter der Raumfahrt, der Sammler so lebendig ist wie bei meinen frühen Vorfahren. Ich kann das Problem auch schlichter ausdrücken: Beim Brombeerensammeln in der Feldmark habe ich mir einen tückischen Dorn der Rosengewächsgattung Rubus (= Brombeere) in den rechten Zeigefinger gerammt, genau zwischen Nagel und den recht empfindlichen Fingerkuppennerven.

Dieses und andere Opfer, wie blutige Kratzer auf den Unterarmen, ein Schmiß auf der Wange, Saftspritzer auf Ober- und Unterhemd, zerrissene Strümpfe und Turnschuhe, können meine Frau und mich nicht im geringsten davon abhalten, immer wieder frohgemut „in die Beeren“ zu ziehen. Erst waren die herrlich duftenden, zarten Himbeeren dran, dann die robusten, wehrhaften Brombeeren, ab September die pechschwarzen, herb schmeckenden Holunderbeeren. Und zuletzt, nach dem ersten Frost, werden die stumpfblauen Schlehen an die Reihe kommen, die so herbsauer sind, daß sie selbst die Löcher in den Strümpfen zusammenziehen.

Was sind das für Leute, die Beerensucher? Obgleich wir sehr abgelegene Ernteplätze kennen und besonders schätzen, sind wir selten allein mit unseren Sammelfreuden. Die Konkurrenz naht, zu Fuß, per Rad oder mit dem Auto. Trotzdem kommt es nicht zu Revierkämpfen, obwohl natürlich jeder gerne seine Hecke für sich hat. Doch im allgemeinen gilt der allzu menschliche Grundsatz: Hab ich mein Eimerchen voll, so mag der andere gern nachlesen.

Sieht man sich die Schar der Beerensammler etwas näher an – es sind fast immer Pärchen, also Mann und Frau – so wird einem klar, daß weder die nackte Not noch überhaupt irgendein materielles Motiv sie auf abgelegene Feldwege und in die Hecken und Büsche treibt. Alle könnten ihren Bedarf an Marmeladen, Gelees und Säften auch im breit gefächerten Sortiment eines Kaufhauses decken. Da müssen wohl doch noch andere Motive im Verborgenen liegen. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach der immer wieder überraschenden Erfahrung, daß die Natur uns etwas in die Hand und in den Korb gibt, das wir weder gesät noch bezahlt haben. Ein schlichtes Geschenk, buchstäblich natürlich dargeboten – reif, halbreif, noch grün, offen prahlend oder unter Blättern und Ranken versteckt, brennesselbewehrt; nicht gespritzt und präpariert, nicht abgepackt in Klarsichthüllen, nicht abgewogen oder mit Haltbarkeitsdatum versehen. Und weil auch der fleißigste Sammler nicht ständig die Hände im Busch hat, sondern sie auch mal ausruhend in den Schoß legt, wendet er sich anderen Dingen zu und entdeckt vielfältige Abenteuer in seiner Umgebung. Tausendfüßler, Wespen, kleine Spinnen turnen über Blätter und Früchte. Bussarde, schrauben sich in der Thermik der Luft höher und höher in den Himmel; Kaninchen flitzen vorwitzig über den sandigen Feldweg; eine Wieselfamilie turnt übermütig auf einem alten Stubben; ein Storch schnappt mit possierlichen Kopf- und Schnabelverrenkungen – nach Heuschrecken. Ein umgepflügtes Feld ist übersät mit schwarz-weißen Kiebitzen, die nicht einmal auffliegen, wenn der schnelle Habicht in der Deckung des Knicks beutesuchend vorüberstreicht. Manch einer dachte wohl, das alles gäbe es nur noch in Büchern und Fernsehsendungen.

Wenn die Eimer und Kannen voll sind, werden die Sammler lukullisch: Unser Brombeergelee, versetzt mit etwas Fliederbeersaft, ist einmalig; unsere Freunde lecken sich alle zehn Finger danach. Natürlich müssen sie unseren Himbeersaft probieren, das ist der richtige Schuß für die Berliner Weiße. Das Aroma, kein Vergleich mit dem gekauften Sirup. Das ganze Haus duftet nach roter Grütze aus frischen Himbeeren oder Brombeeren. Und der Fliederbeersaft – es gibt kein besseres Hausmittel gegen Erkältung. Die Spezialisten singen das Lied vom Schlehen-Likör; schon im Mittelalter war der Slêhentranc berühmt.

Das Beerensammeln hatte sich, vorübergehend, auch mal zu einem Trend entwickelt, nach dem Motto: zurück zur Natur, aber bitte ohne Mückenstiche. Mag sein, daß der eine oder andere zum echten Beerenfreund wurde. Doch bei vielen hörte das Vergnügen auf beim ersten Wespenstich, oder beim wiederholten Anblick einer Made in der Himbeerfrucht. Der richtige Sammler jedoch, geprägt durch das Erbe seiner wilden Vorfahren wie durch die Einbildung, ein einmaliger Geleekoch zu sein, wird auch in schlechten Zeiten ins Feld ziehen.