Von Robert Gerald Livingston

Washington, im September

Anfang dieses Monats mußte sich die DDR-Botschaft in Washington mit einer bitteren Erkenntnis vertraut machen: Die Reagan-Administration wird den Ostdeutschen keine diplomatischen Kopplungsgeschäfte (linkage) mit den Vereinigten Staaten erlauben, selbst wenn diese nur auf Wirtschaftsfragen beschränkt bleiben sollten.

Ost-Berlin hatte Washington vergangenen Winter um die Aufnahme offizieller Handelsgespräche gebeten und das Ersuchen mit der Bereitschaft verknüpft, über alte amerikanische Ersatzansprüche auf einst von der DDR verstaatlichtes Eigentum zu reden. Unausgesprochen hatte dieser Vorschlag auch eine Erörterung der DDR-Entschädigungen an jüdische Opfer des Dritten Reiches eingeschlossen. Nach längerem Streit hinter den Regierungskulissen lehnten die Amerikaner in diesem Monat jedoch jede Verknüpfung von Handelsproblemen mit weiterreichenden Fragen ab. Sie bestanden statt dessen darauf, daß Ost-Berlin zuvor die alten Ansprüche befriedigen und unabhängig davon amerikanische Handelskonzessionen mit eigenen vergelten muß.

Die DDR hat den Ausbau der Handelsbeziehungen stets an die Spitze ihrer Wunschliste in Amerika gesetzt. Deshalb ist die amerikanische Entscheidung eine herbe Enttäuschung, zumal sie in den letzten Monaten der Reagan-Regierung gewiß nicht mehr umgestoßen wird. Es ist auch wenig wahrscheinlich, daß der kommende Präsident – ob er nun George Bush oder Michael Dukakis heißt – den Wünschen der DDR sehr bald seine Aufmerksamkeit widmet. Von allen Ländern des Warschauer Pakts hat Washington die DDR seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1974 ohnehin am meisten vernachlässigt.

Während all dieser Jahre ist bei den drei bilateralen Hauptproblemen kein entscheidender Fortschritt erzielt worden:

Erstens die Ersatzansprüche: Von Albanien einmal abgesehen, ist die DDR der einzige osteuropäische Staat, mit dem es selbst 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch zu keinem Ausgleich bei Ersatzansprüchen kam. Bislang gab es neun Verhandlungsrunden, in denen man sich prinzipiell auf einen Grundbetrag von 78 Millionen Dollar für rund 2000 Anspruchsberechtigte einigte und einen vorläufigen Zinsausgleich für die vergangenen vier Jahrzehnte in Höhe von 250 bis 300 Millionen Dollar ins Auge faßte.