Von Christoph Conrad

Wütende Rentner formieren sich zum Angriffskeil. Mit Golfschlägern und Gartenschaufeln bewaffnet gehen ältere Männer und Frauen auf dem Titelblatt eines angesehenen amerikanischen Magazins auf die Leser los. „Greedy Geezers“ („gierige Gruftis“) heißt die Schlagzeile. Beiträge wie dieser schüren eine Debatte, die seit einigen Jahren für Aufsehen in der amerikanischen Öffentlichkeit sowie für Unruhe bei Sozialwissenschaftlern und den Interessenvertretern der senior Citizens sorgt.

Das Leitmotiv ist ebenso einfach wie für europäische Ohren unerhört: In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist aus den „armen Alten“ eine ökonomisch gut gepolsterte, staatlich abgesicherte und politisch einflußreiche Gruppe geworden. Zu den Yuppies gesellen sich immer mehr Woopies (welloff older people). Was aber auf den ersten Blick wie ein schöner Erfolg der Wohlstandsgesellschaft aussieht, wird mehr und mehr zur scharfen Waffe gegen die soziale Sicherung und gegen die ältere Generation selbst. Die Rentner, sagen die Kritiker, beanspruchten ein so großes Stück vom Kuchen staatlicher Sozialausgaben, daß sie dadurch anderen Altersgruppen, vor allem den Kindern und jungen Eltern bitter nötige Ressourcen vorenthielten.

„Ergrauen des Staatshaushalts“

1986 meldete sich in Washington eine neue Pressure group, „Americans for Generational Equity“ (AGE), mit solchen Argumenten zu Wort, in diesem Jahr erschien sogar eine eigene Zeitschrift. Dieser Gruppe stehen die riesigen Organisationen der gray lobby, die Rentnerverbände und Altenorganisationen, gegenüber, die sich selbstverständlich empört zeigen. Allerdings bündelt und verschärft die Mediendebatte nur eine Reihe von Beobachtungen, die in den vergangenen Jahren von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern vorgetragen wurden. Auch in der Bundesrepublik wird unter dem Stichwort der „neuen Alten“ nicht nur deren Optimismus, Gesundheit und Freizeitverhalten begrüßt, sondern auch ihre gesicherte Versorgung, ihre beträchtlichen Vermögenswerte und ihre steigenden Ansprüche an medizinische Leistungen diskutiert.

Brisant werden diese Wahrnehmungen – ob im Bekannten- und Familienkreis oder aufgrund statistischer Daten – erst, wenn man Altersgruppen miteinander vergleicht. In den beiden vergangenen Jahrzehnten haben die über 65jährigen ihre wirtschaftliche Position im Vergleich zu den Jüngeren beträchtlich verbessert. In einigen Ländern sind die Rentner die einzige Altersgruppe, deren Realeinkommen während der Wirtschaftskrise noch zugenommen hat. Bereits Ende der siebziger Jahre hatten amerikanische Ökonomen bemerkt, daß die staatliche Sozialversicherung ihre Klientel besser als andere Gruppen der Gesellschaft gegen die Inflation schützt.

Etwa gleichzeitig wuchs die Sorge über die unaufhaltsam steigenden Gesundheitsausgaben; auch hier zeigten viele Finger auf die Älteren als Kostentreiber. In Verbindung mit der Bevölkerungsentwicklung führte dies zu dem überspitzten Szenarium des „Ergrauens des Staatshaushalts“. Der Anteil der durch Rechtstitel reservierten Sozialausgaben an die über 65jährigen werde so stark steigen, daß dem amerikanischen Präsidenten praktisch die Hände gebunden würden. Etwas weniger gerontophobe Kommentatoren verwiesen zwar auf die ähnlich unantastbare Stellung des Militärhaushaltes, aber die Alternative: Kanonen gegen Krückstöcke (guns vs. canes) klang auch nicht besonders menschenfreundlich.