Von Klaus-Peter Schmid

Otto Schlecht, Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium, paßt die ganze Richtung nicht. Er habe, bekannte der solide Schwabe Ende Juni vor der Internationalen Kartellkonferenz in Berlin, „eine gesunde Skepsis vor dem Rausch der Größe bewahrt, dem manche Unternehmer und Politiker verfallen zu sein scheinen“.

Ob er dabei auch an Alfred Herrhausen, den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, dachte? Der verriet jüngst dem Spiegel seine Sicht der Dinge: „Wir machen in der Bundesrepublik ganz generell einen Fehler. Wir nehmen immer noch nicht zur Kenntnis, daß wir es hier und da mit ökonomischen Dimensionen zu tun haben, die weit über die Dimensionen der Bundesrepublik hinausreichen.“

Größenrausch gegen Provinzialismus: Die Diskussion darüber, wann Unternehmen groß genug und wann sie zu groß sind, ist voll entbrannt. Je nach Standpunkt und Interessenlage werden der deutsche Markt, Europa oder gar Weltmärkte als Referenzgröße herangezogen. Und mit dem nahenden Europäischen Binnenmarkt redet auch Brüssel immer deutlicher mit, wenn es darum geht, dem Expansionshunger von Industrie, Banken und Versicherungen Grenzen zu setzen.

Hierzulande dreht sich die Debatte vornehmlich um den gefräßigen Konzern Daimler-Benz, der über den Kauf von AEG, MTU und Dornier zum größten Unternehmen der Republik avancierte – und jetzt auch noch den Flugzeug- und Waffenbauer allem unter seine Fittiche nehmen will. Alles in allem werden dann rund 360 000 Daimler-Mitarbeiter 3,6 Prozent des deutschen Sozialprodukts erwirtschaften. Ein klarer Fall fürs Kartellamt, sollte man meinen.

Ganz so klar ist das nicht. Wolfgang Kartte, der Chef der Berliner Behörde, argumentierte im Mai 1987: „Wenn Daimler-Benz jetzt noch mehr expandieren und sich noch zusätzlich in Weltmärkte, wie Werften oder Flugzeuge, einkaufen würde, kann das mit der marktbezogenen Fusionskontrolle kaum verhindert werden ... Ich sehe kaum eine Chance, wenn es sich um Weltmärkte handelt, auf denen wesentlicher Wettbewerb herrscht.“

Ganz so neu, wie das Thema klingt, ist es indes nicht. Kartte: „In der Bundesrepublik haben wir es eingehend zu Beginn der siebziger Jahre, vor Einführung der Fusionskontrolle, diskutiert. Damals wurde aus Industriekreisen geltend gemacht, daß eine Zusammenschlußkontrolle deutsche Unternehmen daran hindern würde, jene Unternehmensgrößen zu erreichen, die für eine internationale Wettbewerbsfähigkeit erforderlich sind.“