Gülsüm ist die beste Schülerin der achten Klasse einer Hauptschule in München. Sie spricht fließend deutsch, ihr Notendurchschnitt liegt zwischen gut und sehr gut. An diesem Montag will sie nicht nach Hause gehen. „Warum nicht?“, will ihr Lehrer wissen. Ihr Vater habe am Wochenende beschlossen, sagt Gülsüm weinend, sie mit dem Sohn seines Freundes zu verloben: „Er ist häßlich und kleiner als ich, und ich will ihn nicht heiraten.“ Gülsüm ist erst vierzehn, sieht aber noch jünger aus. „Geh heim“, sagt ihr deutscher Lehrer, „versuche ein paar Tage besonders lieb zu Deinem Vater zu sein, und im passenden Moment erklärst Du ihm, daß Du niemanden heiraten möchtest, den Du nicht magst.“ Sie schweigt. Lehrer wie Schülerin wissen, daß der Vater seinen Entschluß nicht rückgängig machen wird.

Daß Gülsüms Wünsche kaum Chancen haben, wurde erst vor kurzem im Unterricht deutlich, als es um die Autorität des Mannes in der türkischen Gesellschaft ging. Das Thema lautete: „Darf eine Frau regelmäßig Sport treiben, wenn sie verheiratet ist?“ Gülsüm ist Mitglied der Volleyball-Schulmannschaft, die die Stadtmeisterschaft errungen hat. Ihre Eltern dürfen davon nichts wissen. Für sie ist es undenkbar, daß ihre Tochter Sport treibt, und wenn sie beim Nachmittagstraining in der Schule ist, heißt es zu Hause: Sie hat Unterricht.

Die meisten Jungen der Klasse – sie besteht nur aus türkischen Schülern – lehnen Sport für eine verheiratete Frau strikt ab. Einige sagen sogar, sie würden ihre Frau verprügeln, wenn sie auf die Idee kommen sollte, Sport zu treiben. Ein Schüler, der modern sein wollte, würde seiner Frau Sport zwar gestatten, aber nur unter der Bedingung, daß er sie vom Training abholt.

Gülsüm saß während der Diskussion geduckt und schweigend in der Bank. Nur der Respekt ihrer Klassenkameraden vor ihren sportlichen Leistungen schützte sie vor persönlichen Angriffen.

Die Mitschüler sind auch nicht auf Gülsüms Seite, als der Klassenlehrer sich einige Wochen später vorsichtig erkundigt, wie sie sich verhalten würden, wenn sie gegen den eigenen Willen verheiratet werden sollten. Sämtliche Schüler fanden, man habe seinem Vater zu gehorchen.

Während der kommenden Wochen wird Gülsüm immer apathischer. In den Osterferien teilt sie ihrem Lehrer am Telephon ihre Verlobung mit.

Danach ist sie verändert, sie hat eine neue, frauliche Frisur, trägt statt Jeans nur noch Kleider und goldene Armreifen. „Wenn ich ihn schon heiraten muß, dann soll er wenigstens anständig dafür bezahlen“, verkündet sie lauthals in der Klasse. Sie fragt nicht mehr, ob sie einen guten Schulabschluß schaffen werde, sondern schaltet im Unterricht ab. Aus Protest gegen ihren Vater weigert sie sich, noch etwas zu lernen.