Jede große Firma weiß, was wirklich wichtig ist, also wo oben und unten ist. Ihre Juristen plaziert sie in der Beletage, die Bauabteilung unterm Dach. Architekten bringen kein Geld, sie kosten es nur. Man braucht sie, aber man liebt sie nicht, und die Zeitungen nennen, wenn sie den neuen Prachtbau abbilden, den Bürgermeister, den Stadt- und den Sparkassendirektor, den Ausschußvorsitzenden und den Innungspräsidenten, vom Architekten aber nehmen sie keine Notiz. Einer von denen sagte neulich: „Die Bauherren halten uns für Plänelieferanten, mit denen sie um den Kilopreis handeln möchten.“ Ein anderer schrieb, es sei ja hinreichend bekannt, „daß wir Architekten zu den beliebtesten Sündenböcken der Bundesrepublik gehören“.

Na klar, die „haben den Beton erfunden, sägen täglich tausendjährige Eichen um“, haben eine schreckliche Vorliebe fürs Flachdach, durch das der Regen tropft, außerdem haben sie „die Hochhäuser eingeführt, die Tausende von Zeitgenossen zum Selbstmord verführen“. Auf Listen, die die Beliebtheit von Berufen festhalten, findet man den Architekten weiter unten zwischen Hauptschullehrer und Hausfrau (wenngleich nicht so tief unten wie den Zeitungsjournalisten).

Doch wozu der Jammer? Listen lügen, das Leben weiß es besser, der Alltag wimmelt nur so von Architekten. Sie treiben auf allen Gebieten ein gefeiertes Wesen, und alles ohne Eisen und Beton. Das ist es ja! Wer Zeitung liest, Radio hört und fernsieht, weiß Bescheid.

Nämlich, was ist Willy Brandt? „Der Architekt der Ostpolitik“. Maximilian Graf Montgelas gilt als „der Architekt des modernen bayrischen Staates“, Franz Josef Strauß hingegen sei – sagt sein CSU-Generalsekretär Eberhard Huber – „einer der Architekten der Bundesrepublik“. Der weiland Staatssekretär Eberhard Böning in Bonn war, einem Nekrolog zufolge, der „Architekt der Hochschulstruktur“, weil der Offizierssohn „die große Vision von der richtigen Bildungspolitik, von der notwendigen Architektur staatlicher Hochschulpolitik“ niemals aus den Augen verloren hätte. Und in Eugen Gerstenmaier erkannten Amerikaner „einen Architekten der Versöhnung mit Israel“. Wieso auch nicht, hatte doch Aristoteles die Politik für reine Architektur gehalten und Wilhelm von Humboldt in der verfassungsgebenden Nationalversammlung die Architektenschaft „des Staatsgebäudes“ erkannt.

Vergessen wir aber nicht die Neutrinos, auch wenn sie unsichtbar sind und den Urknall schon vor fast zwanzig Milliarden Jahren besorgt haben! Denn sie. sind die „Architekten des Weltalls“. Und erst recht die Philosophen nicht, die „kühnen Architekten des Geistes“, die sich in der so erstaunlich offenen Bauwelt besonders wohl fühlen. Schwärmte nicht John Locke, in der Gelehrtenwelt seiner Zeit hätte es „nicht an Meistern der Baukunst“ gefehlt, „deren großartige Bestrebungen, die Wissenschaft zu fördern, der Bewunderung der Nachwelt bleibende Bauwerke hinterlassen“ würden? Gewaltige Gedankenwolkenkratzer?

Und erst die Computertechnik: ein Dorado für-Architekten des beschleunigten Denkenlassens. Überall „Open System Architecture“, Hardware-, Cisc, Risc- und andere Rechenarchitekturen, denen zufolge (um nur ein Beispiel zu nennen) „aus 16 Megahertz 10 Mips abgeleitet werden“ können. Eines Tages wird die Sehnsucht nach Verfeinerung einen „Knobeisdorff der Ostpolitik“ und einen „Scharoun der Stereowerbung“ hervorbringen, womöglich einen „Mozart der zeitgenössischen Baukunst“ – und endlich auch eine „Architektin des..“

Die Baukunst hat ein großes Herz und der Architekt eine große Aura, nur zehren andere als er davon, von der Metapher, die einen so verführerisch aufbauenden Charakter hat. Etwas, das die unzähligen Architektur-Adepten, die beim Ansturm auf die Universitäten jetzt sogar die Mediziner an Numerus-clausus-Opfern weit übertreffen, nicht ahnen: Architekt sein ist, wenn man keiner ist, aber für einen gehalten wird, am schönsten.

Manfred Sack