Frankfurt

Sie ist angekündigt worden wie eine Heldin. Ulrike Derickson, Chefstewardeß der amerikanischen Fluggesellschaft TWA, habe Mut und Geistesgegenwart bewiesen, hieß es, und Nerven wie Drahtseile gehabt. Daß die Flugzeugentführung im Juni 1985, deretwegen sich der Libanese Mohammed Hamadi derzeit vor dem Frankfurter Landgericht verantworten muß, nicht noch schlimmer ausging, sei auch mit ihr Verdienst. Von Präsident Ronald Reagan wurde sie später empfangen und geehrt, die New Yorker Steubenparade durfte sie anführen, und die Fernsehgesellschaft NBC hat einen eineinhalbstündigen Film über die Entführung und sie gedreht.

Alle Zeugen, die vor ihr ausgesagt haben, nannten sie "Ulli" und sprachen von ihr, als sei sie eine nahe Verwandte. Die 44jährige Ulli Derickson ist während der vielen Flüge Beirut und Algier zur Bezugsperson der Passagiere geworden. Ein Zeuge beschrieb in Frankfurt voll Bewunderung, wie sie in einem unbeobachteten Moment eine Plastiktüte mit Rasierklingen, die auf Hamadis Sitz, kurzer Hand in den Müllcontainer steckte. Vor allem aber war die deutschstämmige Stewardeß, die seit 1967 in den USA lebt, zu einer vertrauten Mohammed Hamadis geworden. Der Libanese, der mehrere Jahre im Saarland wohnte, spricht wesentlich besser deutsch als englisch. In dieser Woche wurde Ulrike Derickson als Zeugin gehört.

Die ersten zwanzig Minuten der Flugzeugentführung seien "die explosivsten" gewesen, berichtet sie. Hamadi und sein Komplize hätten geschrien und geschlagen, getreten und gedroht. Mit entsicherten Handgranaten und einer Pistole seien sie den Gang auf- und abgerannt und hätten gerufen: "Wir sind gekommen, um zu sterben." Sie würden die Maschine in die Luft sprengen, sollten ihre Anweisungen nicht befolgt werden. Hamadi habe immer wieder die Vereinigten Staaten verflucht. "Amerika, der Satan der Welt", habe er ausgerufen. Ende 1983 hatte der amerikanische Zerstörer "New Jersey" Beirut vom Meer aus bombadiert. Ganze Familien aus seinem Freundeskreis seien dabei getötet worden, sagte Hamadi vor Gericht.

Sie sei keine Amerikanerin, sondern Deutsche, habe sie Hamadi dazu erklärt. Fortan mußte Ulrike Derickson als Dolmetscherin fungieren. Nahezu die gesamte Kommunikation an Bord lief über sie. Schon sehr bald habe er versprochen, ihr nichts anzutun. Er werde sie freilassen, bevor das Flugzeug in die Luft gesprengt werde. Einmal habe sie ihn gefragt: "Warum habt ihr uns entführt?" Und er habe geantwortet, er wolle erreichen, daß 700 seiner in Israel gefangen gehaltenen Brüder freigelassen würden. Dabei habe er auf seine Pistole gezeigt und gesagt: "Nur auf sowas hört die Welt."

Ihr Anliegen sei es gewesen, sagt Ulrike Derickson, "zu erreichen, daß wir nicht immer wieder mißhandelt werden." Wann immer es ging, habe sie Hamadi in Gespräche verwickelt – über den Libanon, Religion, über seine kleine Tochter. Irgendwann habe Hamadi sie gebeten, ihm ein Kinderlied vorzusingen. "Ich kann nicht gut singen", habe sie ihn gewarnt, und ihm dann doch "Backe, backe Kuchen" vorgesungen. Danach habe er einen Schlager hören wollen. Sie habe das Lied "Heimatlos" von Freddy gesungen. Der Text habe ihm gut gefallen, berichtet sie, er treffe auch auf die Menschen im Libanon zu, habe er gemeint.

"Ich habe versucht, das Menschliche aus ihm herauszuholen", sagt Ulrike Derickson vor Gericht. Hamadi half ihr schließlich sogar, Getränke an die Passagiere auszuteilen. Einer schwangeren Frau brachte er Obst. Später durfte sie von Bord. Die Ermordung des jungen Marinetauchers Robert Stethem indes konnte Ulrike Derickson auch nicht verhindern. Als der Schuß vorn in der Cockpittür fiel, habe sie sich gerade hinten aufgehalten. Sie habe nicht mal sehen können, wer den Schuß abgegeben habe, weil der Vorhang zum vorderen Bereich zugezogen gewesen sei. Als Hamadi wenig später noch weitere Passagiere schlagen wollte, hat sie sich dazwischen geworfen.

Ulrike Derickson spricht sehr leise, und zuweilen kämpft sie mit den Tränen – vor allem, wenn sie von der brutalen Mißhandlung Robert Stethems spricht. Seine Eltern sitzen als Nebenkläger im Saal und hören mit versteinerter Miene zu. Warum Stethem sterben mußte, habe sie Hamadi immer wieder gefragt. Er habe darauf keine Antwort gegeben. Roland Kirbach