Zu Bonn am schönen Rhein sitzt ein Mann, über den sich das Volk der Gebildeten gern erheitert: Rudolf Stefen. Der Herr steht einer Behörde vor, die wenigstens einmal im Jahr als Existenznachweis Ärger machen muß, denn sonst käme noch jemand auf die Idee, diese Einrichtung – es handelt sich um die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften – für überflüssig zu halten. Die moralischen Ansichten des Herrn Stefen und die seiner Beisitzer wirken außerordentlich antiquiert, versteht man es doch in Bonn mit traumwandlerischer Sicherheit, immer wieder ein Buch auf den Index zu setzen, das andere, Literaturwissenschaftler beispielsweise, rücksichtslos zum Kunstwerk erklärt haben. Der Ärger, den Herr Stefen und sein Amt diesmal verursachen, gilt einem Büchlein mit dem verlockenden Titel „Kokain“, das im italienischen Original zuerst 1922 und auf deutsch zum ersten Mal 1927 erschienen ist. Der Turiner Autor Dino Segre, der sich hinter dem Pseudonym Pitigrilli verbarg, lieferte den frivolen Zwanzigern ein derart zynisches Selbstporträt, daß „Kokain“ unweigerlich zum Bestseller avancieren mußte. Mit der Eleganz eines Dandys versprühte dieser Pitigrilli seine Aphorismen zur guten Lebensart und zum unmoralischen Lebenswandel seiner Zeitgenossen. Beispielsweise kommentierte er den Duft, den Frauentränen auf Herrenkrawatten hinterlassen, oder er amüsierte sich über den Mystizismus, den er als „fehlgegangenes Sperma“ verhöhnte. Nur recht und billig deshalb, wenn die Prüfstelle Berlin in einer Entscheidung vom 18.7.1933 auf Schmutz & Schund erkannte und feststellte, daß das Buch „eine Fülle von übelster und gemeinster Herabwürdigung aller Dinge [enthält], die anderen Menschen heilig sind oder sich unter anständigen Menschen einer Darstellung entziehen“. Weniger amüsant ist allerdings die Tatsache, daß sich die Bundesprüfstelle in Bonn bei ihrer Entscheidung, „Kokain“ zu indizieren, auf ein Urteil von 1954 bezog, das jenes von 1933 schamlos bestätigt hatte. (Der Staatsanwalt verwies damals in seiner Begründung sogar darauf, daß er in dieser Sache seinen Amtsvorgänger, den im Dritten Reich waltenden Kunst-Richter, beigezogen habe.) Aber Herr Stefen, über dessen moralischen Kunstgeschmack sich immer alle lustig machen, ist gewiß ein ehrenwerter Mann. W. W.