Von Horst Bieber

Dienstag, gegen 8.30 Uhr: Hans Tietmeyer, seit 1982 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, verläßt sein Haus auf dem Heiderhof, einer Siedlung im Grünen über Bad Godesberg, und steigt in seinen dunkelblauen Dienstmercedes. Etwa 50 Meter weiter, in einer scharfen Kurve, fallen Schüsse aus dem Wald, zwei, drei oder vier, die Zeugenaussagen gehen auseinander. Eine Schrotladung trifft den rechten Vorderreifen, mehrere Schrotkugeln durchschlagen auf der linken Seite die ungepanzerte Tür in Höhe der Zierleisten. Tietmeyer und sein Fahrer bleiben unversehrt; sie können bis zur Polizei fahren und dort melden, zwei Maskierte hätten auf sie geschossen.

Die Polizei löste eine Ringfahndung aus, die nach mehreren Stunden erfolglos abgebrochen wurde. Viel mehr wollte und konnte sie dann nicht mehr sagen; die Karlsruher Bundesanwaltschaft zog die Ermittlungen an sich und gab sich bis zum Dienstagabend wortkarg, vor allem über die mutmaßlichen Täter: Rote Armee Fraktion? Oder Autonome? Oder einfach Spinner? Hatte der Anschlag etwas mit der bevorstehenden Westberliner Tagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds zu tun? Am späten Nachmittag zog sie sich auf die Formulierung zurück, es habe sich vermutlich um "linksterroristische Täter" und eine "Unterstützungshandlung" aus dem Umfeld der RAF gehandelt.

Schrotflinten gehören normalerweise nicht zur Bewaffnung der bundesdeutschen Terroristen, und vieles spricht dafür, daß die von verschiedenen Stellen aus zielenden Schützen diesmal nicht töten wollten – anders als am 10. Oktober 1986, als zwei vermummte Täter in Bonn-Ippendorf Gerold von Braunmühl, den Leiter der Politischen Abteilung im Auswärtigen Amt, niederschossen. Natürlich zog das politische Bonn umgehend diese Parallele: zwei einflußreiche, aber nicht im direkten Rampenlicht stehende Beamte, angegriffen in der Nähe ihrer Häuser in ruhigen Vororten.

Viele Politiker wohnen auf dem Heiderhof, Streifenwagen patrouillieren dort seit langer Zeit; Tietmeyer wurde nicht rund um die Uhr bewacht, aber spätestens seit dem Braunmühl-Attentat gehörte er qua Amt zum Kreis der Gefährdeten. Doch diesmal fehlte das Bekennerschreiben der RAF, das die Mörder bei Braunmühl nicht weit entfernt vom Tatort hinterlassen hatten.

"Ja, da haben sich ein paar komische Gestalten herumgetrieben", sagten Nachbarn aus. Glaubhaft? Die Bundesanwaltschaft wollte sich weitere Einzelheiten nicht entlocken lassen, und ihre Schweigsamkeit heizte sofort die Spekulationen an. Galten die Schüsse dem Vertreter der Bundesregierung bei der Vorbereitung der IWF-Tagung, jenem Kongreß, gegen den viele Gegner friedlich protestieren, militante Autonome aber gewaltsam Sturm laufen wollen?

Die Vorbereitungen des Westberliner Treffens passen auf vertrackte Art und Weise zu den Schüssen. Seit vielen Monaten rüstet sich die Stadt gründlich gegen gewaltsame Störer; sie hat viel Polizei, mobile Einsatzreserven und spezielle Einsatzgruppen bereitgestellt. Die Grenze läßt sich scharf kontrollieren, die Sicherheitskräfte haben Erfahrungen mit Gewalttätern. Bei Versammlungen der Autonomen haben westdeutsche Vertreter mehrmals erklärt, sie hätten für "Kamikaze-Aktionen" wenig übrig und dächten nicht daran, sich in West-Berlin "abgreifen" zu lassen. Die etwa 1000 Westberliner Autonomen können für die Tagungszeit kaum mit Unterstützern aus dem Bundesgebiet rechnen. Schon aus diesem Grund wurden "dezentrale Aktionen" für möglich, ja wahrscheinlich gehalten – wie sie wenige Stunden vor den Bonner Schüssen schon in Hamburg abgelaufen waren.