Von Roland Kirbach

Essen

Im Parterre ist der Lärm noch erträglich. Aber im ersten Stock dröhnt es schon ziemlich laut. Eine Mauer aus Beton hätte den Krach auch im Obergeschoß gemildert. "Aber ’ne Mauer haben wir abgelehnt", sagt Petra Merker-Hullmann. Statt dessen steht seit einigen Jahren eine zwei Meter hohe Glaswand, montiert auf einem Betonsockel, vor ihrem Haus. Bevor sie ständig auf eine graue Mauer geschaut hätte, blickt sie lieber noch auf den Autobahnverkehr, der hier rund um die Uhr auf sechs Spuren vorbeibraust.

Mit ihrer Familie und den Schwiegereltern wohnt sie in Essen-Frillendorf in einem Ein-Familienhaus, das kurz nach dem Krieg erbaut wurde. Hinter dem Haus liegt ein Garten mit hohen Bäumen und einer großen Wiese, und dann kommt die Autobahn. Damals war die A 430 noch eine einfache Bundesstraße, die alte B 1, die man relativ gefahrlos überqueren konnte. In den sechziger Jahren wurde sie zur vierspurigen Schnellstraße und Anfang der achtziger Jahre zur sechsspurigen Autobahn ausgebaut.

In der Mitte der Autobahntrasse verkehrt eine Buslinie. Die Haltestellen sind nur durch einen Tunnel unter der Autobahn zu erreichen. Wer auf den Bus wartet, findet sich auf einer vom Verkehr umtosten Insel wieder. Von hier aus gesehen ist die A 430 so breit, daß man die andere Straßenseite kaum mehr erkennen kann.

Die Autobahn hat Frillendorf zweigeteilt. Um vom nördlichen Teil Frillendorfs in den südlichen Teil zu gelangen, muß zunächst ein unübersichtlicher Zebrastreifen quer über die Autobahn-Abfahrt passiert werden, dann eine Fußgänger-Brücke und schließlich eine dunkle Unterführung. Dieser Beton-Knoten war einmal der "Frillendorfer Platz", und dem Namen nach ist er das immer noch. "Aber ein Zentrum hat Frillendorf nicht mehr", sagt Petra Merker-Hullmann. "Hier war mal eine Bücherei, ein Schuhmacher, ein Metzger – alles weg. Alle Läden haben dichtgemacht." Weil viele ältere Frillendorfer südlich der Autobahn nicht mehr zum Gottesdienst in die Kirche nördlich der Autobahn kommen konnten, predigt der katholische Pfarrer nun zweimal: für die Nord-Frillendorfer in der Kirche und für die Süd-Frillendorfer in einer Tagesstätte für behinderte Kinder.

Gemessen an den gravierenden sozialen Folgen nehmen sich die alltäglichen Lärmbelastungen fast schon harmlos aus. Bei jedem Lastwagen klirren die Tassen im Schrank. Tagsüber kann wegen des Lärms und des Gestanks natürlich kein Fenster geöffnet werden. Und zuweilen wird man auch aus dem Schlaf geschreckt: "Die Transporte mit Blutkonserven fahren auch nachts immer mit Martinshorn." Nur manchmal im Winter irritiert ungewohnte Ruhe die Anwohner. Petra Merker-Hullmann: "Wenn’s schneit und der Schnee die Geräusche schluckt, wird man wach, weil’s so leise ist."