Von Joseph S. Nye

CAMBRIDGE, MASS. – Jetzt, da die Reagan-Ära ihrem Ende zugeht, ist es wichtig, sich ein klares Bild über die Position der Vereinigten Staaten in der Welt zu verschaffen. Manche sprechen heute von dem Niedergang Amerikas. Gewiß, sein internationales Gewicht hat sich seit den fünfziger Jahren erheblich verändert. Damals – je nach dem Ausgangsdatum – entfielen ein Drittel bis zwei Fünftel der zivilen Produktion und der Rüstungsausgaben der Welt auf die Vereinigten Staaten, heute sind es in beiden Bereichen wenig mehr als ein Fünftel.

Aber die These vom Niedergang Amerikas vermengt verschiedene Perioden und verschiedene Ursachen. Im Vergleich zu den fünfziger Jahren ist ein relativer Rückgang festzustellen, kaum aber gegenüber den dreißiger oder den späten sechziger Jahren. Auf lange Sicht wäre es sogar denkbar, daß das "Amerikanische Jahrhundert" – das um 1870 begann, als die Vereinigten Staaten die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt wurden – nur das erste in einer ganzen Reihe ist. Auch die Briten fürchteten Ende des 18. Jahrhunderts, mit ihrer Vorherrschaft sei es vorbei, weil die amerikanischen Kolonien verloren waren – und ahnten nichts von dem Aufschwung der viktorianischen Zeit und Englands "zweitem Jahrhundert".

Amerika und seine Verbündeten sollten sich über die veränderte Situation der Vereinigten Staaten Gedanken machen, aber es wäre falsch, das Hauptproblem im vermeintlichen Niedergang Amerikas zu sehen. Denn das führt nur dazu, die eigentlichen Ursachen für die langfristigen Veränderungen der Weltpolitik zu übersehen, und auf Rezepte zu verfallen – wie den Protektionismus oder den Rückzug aus internationalen Verpflichtungen – die am Ende das Gewicht Amerikas nur schwächen würden.

Im großen ganzen hat die Reagan-Administration den kurzfristigen Ursachen des amerikanischen Machtverlustes abgeholfen, die sich aus den Fehlern des Vietnamkrieges ergaben. Bei den längerfristigen Ursachen dagegen hat Reagan sehr viel weniger Erfolg gehabt. Zwar kam die Betonung höherer Verteidigungsausgaben (auch wenn dabei viel Geld unnötig verschwendet wurde) dem Bemühen zugute, die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen auf eine neue Grundlage zu stellen. Aber die bloße Anhäufung militärischer Macht ist unzureichend, wenn es darum geht, den längerfristigen Wandlungsprozessen – der wachsenden Multipolarität und komplexen Interdependenz in der Weltpolitik – gerecht zu werden. Leider auch verband die Regierung Reagan ihre Außenpolitik mit einer sozialpolitischen Strategie, die unbeschwert Wechsel auf die Zukunft ausstellte. Die Reagan-Administration schwächte so die Wirtschaftskraft Amerikas und schuf Probleme, für die das Land im nächsten Jahrzehnt zahlen muß.

Dennoch ist nicht einzusehen, weshalb das reichste Land der Erde nicht länger in der Lage sein sollte, für seine Verpflichtungen in der Welt und für seine Aufgaben zu Hause aufzukommen. Das wäre dann die schlimmste Ironie der Reagan-Ära, wenn Amerika und seine Verbündeten die kurzfristigen Schwierigkeiten, die Reagan hinterließ, als Anzeichen langfristigen Niedergangs mißverstehen und nun den Vereinigten Staaten die Grundlage ihres internationalen Einflusses entziehen wollte. Die Gefahr am Ende der Ära Reagan liegt ja gerade darin, daß Fehldiagnosen und nationalistische Reaktionen zu ungeeigneten Rezepten führen. Jüngste Umfragen bestätigen einen zunehmenden Wirtschaftsrationalismus in Amerika. Aber die protektionistische Antwort ist falsch. Sie würde die Vereinigten Staaten von dem freien Austausch der Waren, Talente und Informationen abschneiden, der doch gerade ihre Stärke ausmacht und ihnen erlaubt, immer wieder auf globale Ressourcen zurückzugreifen. Ein Beispiel: Zu Recht weisen zwar einige Kritiker des amerikanischen Erziehungswesens darauf hin, daß ein Fünftel aller Ingenieure in Amerika Ausländer sind. Aber umgekehrt gibt es wenige so offene Gesellschaftssysteme, die in Mangelsituationen ausländische Talente anlocken und eingliedern können. Die richtige Strategie für die Vereinigten Staaten ist deshalb nicht, sich in der vermeintlichen Hoffnung auf Abschirmung aus internationalen Verpflichtungen zurückzuziehen. Vielmehr müssen die Amerikaner lernen, mehr zu investieren und weniger zu verbrauchen. Zu Hause müssen wir in neue Techniken, in Infrastruktur und Ausbildung investieren. Draußen müssen wir in Verteidigung, Auslandshilfe und in internationale Organisationen investieren, um weiterhin die Möglichkeit zu haben, auf viele Entwicklungen und Themen, bei denen wir schon heute hochgradig vom Weltgeschehen abhängen, Einfluß zu nehmen. Die Wettbewerbsposition Amerikas wird sich nur verbessern, wenn internationale Strukturen der Zusammenarbeit entwickelt und internationale Wirtschaftsinstitutionen stärker gefördert werden. Dafür werden harte Verhandlungen nötig sein. Nicht weniger entscheidend ist die Stärkung der demokratischen Bündnisse, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind – immerhin sind zwei der fünf wichtigsten Machtzentren (die USA, die Sowjetunion, Europa, Japan, China) mit den Vereinigten Staaten, nicht mit der Sowjetunion verbündet. Das bedeutet gewiß eine gerechte Streuung der Bündnislasten. Aber zugleich müssen Truppenabzüge und wachsende Irritationen über die beste Verteilung dieser Lasten vermieden werden. Denn Zerwürfnisse im Bündnis wären ein Rückschlag für den Westen insgesamt.

Eine solche Strategie für Amerika setzt starke konventionelle und maritime Militärkräfte voraus ebenso wie den Rückhalt glaubhafter atomarer Abschreckung. Das erlaubt es dem Westen auch, auszuloten, welche Möglichkeiten sich aus den inneren Problemen der Sowjetunion für eine Senkung des Rüstungsniveaus, auf dem das Kräftegleichgewicht beruht, eröffnen.