Von Dieter Buhl

Winston/Salem, im September

In der Wake-Forest-Universität ist wieder die gewohnte Ruhe eingekehrt. Auf dem idyllischen Campus, wo sich am vergangenen Wochenende Hunderte von Journalisten und Fernsehtechnikern gegenseitig auf die Füße traten, genießen die Studenten den Ausklang eines heißen Sommers. Heftiger noch als die Wähler anderswo in Amerika diskutieren sie darüber, ob sie am vergangenen Sonntagabend den entscheidenden Höhepunkt des Präsidentschaftswahlkampfes erlebten, ob bei dem Fernsehduell in ihrer Wait-Kapelle Geschichte inszeniert wurde.

Die Kandidaten selber haben Zweifel am Stellenwert des Spektakels erst gar nicht aufkommen lassen. Kaum waren die Tiefstrahler abgeschaltet, fingen ihre Mitarbeiter an zu erklären, wie bedeutsam das Ereignis gewesen sei und wie gut sich ihre Chefs geschlagen hätten. "Es hat mir ungeheuren Spaß gemacht", beteuerte George Bush am nächsten Tag bei einer Wahlkampftour durch den amerikanischen Süden immer wieder und strahlte dabei wie ein Gladiator nach bestandener Tortur. So viel Auftrieb hatte der Fernsehtest dem Anwärter der Republikaner gegeben, daß er nach Wochen erstmals wieder wagte, gemeinsam mit seinem vielbelächelten Teamgefährten aufzutreten. Vizepräsidentschaftskandidat Dan Quayle dankte es seinem Mentor, indem er schweres Geschütz auffuhr: "Die Aussicht auf einen Präsidenten Dukakis ist seit gestern abend eine sehr, sehr beunruhigende Vorstellung." Eine sonderbare Replik, denn bisher lautete das Schreckenswort, mit dem die Demokraten vor dem Leichtgewicht warnten: "President Quayle".

Das Dukakis-Lager ließ sich nicht lumpen. Seine Wahrheitsbrigade trat sofort in Aktion und verteilte eine Liste mit vermeintlichen Lügen des Widersachers. Der demokratische Spitzenkandidat eilte unterdessen, getragen vom Gefühl des Triumphs, nach Norden. Ihn erwarteten Tausende von Anhängern, die er mit seiner wichtigsten Erkenntnis aus dem TV-Match in Begeisterung versetzte: "Bush bietet den leichten Weg an, er führt Amerika ins Nirgendwo." Der Lorbeer nach dem Duell, für Michael Dukakis keine Frage, gebührte allein ihm.

Doch wer hat nun wirklich gewonnen? Die Wähler als wichtigste Preisrichter wollten in diesen olympischen Zeiten auf jeden Fall einen Sieger erleben. Sie erwarteten einen Wettstreit, der das Spektakel von Seoul an Spannung möglichst noch übertreffen sollte. Sie blickten gebannt. auf die zwei Männer in der Arena, die seit Monaten erbittert um die Präsidentschaft kämpfen und die in den 90 Minuten vor den Augen der Nation alle Chancen verspielen konnten.

Ungeheurer Erwartungsdruck lastete auf den beiden Konkurrenten, als sie die in den Landesfarben ausstaffierte Bühne in der Wait-Kapelle betraten. Jeder von ihnen hoffte, dem anderen den vernichtenden K.-o.-Schlag versetzen zu können. Beide fürchteten, mit einem falschen Wort oder einem großen Patzer alles zu verlieren. Dennoch, zeigten sie bestes amerikanisches Schautalent, sie gaben sich lächelnd gelassen die Hand. Vergessen war das vorausgegangene Feilschen um die Höhe der Stehpulte und um die Scheinwerferwinkel. Vergessen waren auch die anderen Präliminarien, wie die Auswahl der telegensten aus einem Dutzend Krawatten, die die Dukakis-Berater stundenlang beschäftigt hatte, oder die Sorgen der Bush-Betreuer um die unkontrollierten Handbewegungen ihres Bosses. Jetzt ging es ums Ganze.