Der Sieger am Pranger

Die Welt hatte gerade angehoben, ihn zu feiern – da war schon aller Feiern Abend. Als die Nachricht kam, waren die Hymnen im schönsten Schwange, die Schlagzeilen noch heiß und mancher Text schon nicht mehr zu stoppen (so auch der Bericht auf Seite 95 dieser Ausgabe der ZEIT, der aus technischen Gründen früher gedruckt werden mußte). Ben Johnson, "der schnellste Mann der Welt", wurde in Seoul des Dopings überführt, und damit sind alle Würdigungen hin, die ihm soeben auf den Leib geschrieben wurden.

Mit seinem triumphalen Sieg im olympischen Endlauf über 100 Meter in der neuen Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden schien sich Ben Johnson, der Kanadier jamaikanischer Abstammung, in der Sportgeschichte verewigt zu haben. Doch dann dauerte die Ewigkeit nur knapp drei Tage. Die Nachricht am Dienstag, aus koreanischer Morgenstille, setzte ihr ein abruptes Ende.

Dopingprobe positiv: Es war nicht der erste Befund dieser Art in diesen Tagen des edlen Wettstreits unter den olympischen Ringen. Doch als Professor Gustavo Tuccimei, Präsident des italienischen Sportärztebundes und Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), diesmal die Botschaft brachte, setzte ungewöhnlich hektisches Konferieren ein. Mitglieder der Medizinischen Kommission trafen sich noch in der Nacht zu einer dreistündigen Beratung mit Offiziellen der betroffenen kanadischen Mannschaft; das IOC versammelte sich um neun Uhr früh zu einer "Notsitzung". Ben Johnson wurde vorgeladen – und später beim Verlassen des Sitzungshotels mit tieftrauriger Miene gesichtet – ein Mann vor den Trümmern seines Lebenswerks.

Bei der verbotenen Droge, deren Spuren die Fahnder in seinem Urin entdeckten, handelt es sich um Stanozolol, ein mit dem männlichen Hormon Testosteron verwandtes anaboles Steroid. Die Athleten nehmen es zum Aufbau ihrer Muskeln, die meisten ungeachtet aller lebensbedrohlichen Nebenwirkungen: Anabolika führen zu Leber- und Nierenschäden, sie greifen das Herzmuskelsystem an und können den Menschen auch psychisch verändern.

Ben Johnson, mit dem Befund konfrontiert, hat zunächst alle Vorwürfe bestritten. Doch die Experten der Doping-Analyse lachten ihn aus. Der große Unbekannte, der schon so vielen in böser Absicht unbemerkt etwas in den Kaffee tat, ist auf dem Olymp inzwischen ein Bekannter. Das Dopinglabor in Seoul, für Millionen Dollar eingerichtet, hat die Mittel, 4000 verbotene Substanzen aufzuspüren. An seinen Analysen ist kein Zweifel.

Nach den Regeln des IOC und des Internationalen Leichtathletikverbandes werden Sportler, die eines Dopingvergehens überführt sind, automatisch für zwei Jahre gesperrt. Sie verlieren alle Titel, Rekorde und Medaillen, die sie unter diesen Umständen gewonnen haben. Im Falle Ben Johnsons wird keine Gnade vor Recht ergehen, das haben ihm die empörten Verwalter des olympischen Gedankens in Seoul auf der Stelle zu verstehen gegeben: Seine Karriere ist zu Ende.

Die Dimensionen dieses Verbannungsbeschlusses deutlich zu machen, sind Zahlen am besten geeignet: Seine Auftritte wurden dem Weltmeister und Weltrekordhalter Ben Johnson zuletzt mit bis zu 250 000 Dollar pro Meeting entgolten; die Verluste, die er nun hat, sind mit etwa fünf Millionen Dollar nicht zu hoch geschätzt. Unter diesen Umständen, bei diesen Einsätzen, ist der olympische Kampf ein Kampf um alles oder nichts.

Der Sieger am Pranger

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Die Geschichte der Olympischen Spiele ist auch eine Geschichte der Doping-Skandale. Der Fall Johnson ist freilich der bislang größte Skandal und in dieser Reihe einzigartig: Am Pranger steht der Sieger der populärsten Disziplin der Leichtathletik, der Sportart der olympischen Könige. Der bis dahin spektakulärste Fall hatte sich 1984 in Los Angeles ereignet: Dem Zweiten des 10 000-Meter-Laufes, dem Finnen Martti Vainio, wurde die Silbermedaille wieder abgenommen; auch in seiner Dopingprobe waren Spuren von Anabolika gefunden worden. Die Aufregung darüber war jedoch nicht annähernd so groß.

Und auch in Seoul war Ben Johnson keineswegs der erste, den man aus dem Verkehr zog. Relativ unauffällig wurden zuvor schon zwei der in Seoul sehr erfolgreichen bulgarischen Gewichtheber gebeten, nach positiver Dopinganalyse ihr Gold wieder herzugeben, die erzielten Weltrekorde wurden gestrichen. Vorsichtshalber berief die bulgarische Führung danach ihre ganze Gewichtheber-Mannschaft ab.

Die Chemie hilft mit, Medaillen zu sammeln, und offensichtlich ist keine Warnung vor den damit verbundenen gesundheitlichen Risiken abschreckend genug. Die Athleten fürchten keinen Leber- und keinen Nierenschaden, keine Psychosen und nicht den Tod. Sie legen mit Hilfe der anabolen Steroide unnatürliche Muskelplantagen an, sie beruhigen Herzschlag und Hand mit Betablockern, sie verschaffen sich Sauerstoff-Reservoirs durch Doping mit eigenem Blut. Wachstumshormone machen aus Menschen Hochleistungsmonster. Ganze Drogensyndikate sind inzwischen damit beschäftigt, Anabolika in Massen unter die Sportler zu bringen.

Dies alles geschieht, und wir wissen es längst. Ben Johnson, der unglückliche Sprinter, ist nur ein Beispiel, das zur Beruhigung von Funktionärsgewissen wieder einmal statuierte Exempel. Daß es ein so spektakuläres Beispiel ist, begründet die winzige Hoffnung, der eine oder andere könnte daraus Lehren ziehen.

Aloys Behler