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Die Geschichte der Olympischen Spiele ist auch eine Geschichte der Doping-Skandale. Der Fall Johnson ist freilich der bislang größte Skandal und in dieser Reihe einzigartig: Am Pranger steht der Sieger der populärsten Disziplin der Leichtathletik, der Sportart der olympischen Könige. Der bis dahin spektakulärste Fall hatte sich 1984 in Los Angeles ereignet: Dem Zweiten des 10 000-Meter-Laufes, dem Finnen Martti Vainio, wurde die Silbermedaille wieder abgenommen; auch in seiner Dopingprobe waren Spuren von Anabolika gefunden worden. Die Aufregung darüber war jedoch nicht annähernd so groß.

Und auch in Seoul war Ben Johnson keineswegs der erste, den man aus dem Verkehr zog. Relativ unauffällig wurden zuvor schon zwei der in Seoul sehr erfolgreichen bulgarischen Gewichtheber gebeten, nach positiver Dopinganalyse ihr Gold wieder herzugeben, die erzielten Weltrekorde wurden gestrichen. Vorsichtshalber berief die bulgarische Führung danach ihre ganze Gewichtheber-Mannschaft ab.

Die Chemie hilft mit, Medaillen zu sammeln, und offensichtlich ist keine Warnung vor den damit verbundenen gesundheitlichen Risiken abschreckend genug. Die Athleten fürchten keinen Leber- und keinen Nierenschaden, keine Psychosen und nicht den Tod. Sie legen mit Hilfe der anabolen Steroide unnatürliche Muskelplantagen an, sie beruhigen Herzschlag und Hand mit Betablockern, sie verschaffen sich Sauerstoff-Reservoirs durch Doping mit eigenem Blut. Wachstumshormone machen aus Menschen Hochleistungsmonster. Ganze Drogensyndikate sind inzwischen damit beschäftigt, Anabolika in Massen unter die Sportler zu bringen.

Dies alles geschieht, und wir wissen es längst. Ben Johnson, der unglückliche Sprinter, ist nur ein Beispiel, das zur Beruhigung von Funktionärsgewissen wieder einmal statuierte Exempel. Daß es ein so spektakuläres Beispiel ist, begründet die winzige Hoffnung, der eine oder andere könnte daraus Lehren ziehen.

Aloys Behler