Von Stephen Marlis

WASHINGTON. – Der billige Dollar tut, was man von ihm erhoffte. Die jüngsten Statistiken beweisen, daß das Handelsdefizit der Vereinigten Staaten weiter schrumpft und das Defizit der Leistungsbilanz vom Höchststand im dritten Quartal 1987 bis zum zweiten Quartal dieses Jahres im Jahresdurchschnitt um 35 Milliarden Dollar gefallen ist.

Das ist alles schön und gut. Aber was die Europäer zutiefst beunruhigen sollte, ist der Umstand, daß die geforderte gegenläufige Entwicklung in den Überschußländern ausblieb und sich sogar die Leistungsbilanzen jener europäischer Staaten noch verschlechtern, die schon vor der Anpassung in Amerika nur eine ausgeglichene oder defizitäre Handelsbilanz aufwiesen. Damit entwickelt sich innerhalb Europas ein wachsendes Zahlungsungleichgewicht, das gleichermaßen das europäische Währungssystem (EWS) wie die erfolgreiche Verwirklichung des gemeinsamen europäischen Binnenmarktes im Jahre 1992 in Frage stellt.

1986 hatten die Bundesrepublik, die Niederlande, die Schweiz und Belgien zusammen einen Zahlungsbilanzüberschuß von 52 Milliarden Dollar. Nach den ersten sechs Monaten 1988 ist damit zu rechnen, daß er bis zum Jahresende auf 60 Milliarden Dollar angewachsen sein wird. Die Leistungsbilanzen der übrigen Staaten Westeuropas waren zusammen genommen nur im Jahr 1986 mehr oder minder ausgeglichen; im ersten Halbjahr 1988 haben sie dagegen ein Defizit von fast 45 Milliarden Dollar angehäuft.

Der Grund dafür ist ein elementarer Fehler in der Handhabung des Europäischen Währungssystems. Sein Hauptaugenmerk gilt der Anpassung der Wechselkurse an unterschiedliche Inflationsraten. Aber Unterschiede in relativen Preisen und Kosten sind nur zwei von vielen Faktoren, die die Zahlungsbilanz eines Landes bestimmen. Auf längere Frist spielen Wachstumsrate und Wettbewerbsfähigkeit eine nicht mindere, vielleicht sogar die wichtigere Rolle.

Zu den Ursachen des Anstieges des bundesdeutschen Überschusses im Außenhandel zählt einmal, daß die Inlandsnachfrage während der achtziger Jahre im Durchschnitt nur um ein Prozent jährlich stieg, halb so schnell wie im übrigen Westeuropa. Zugleich reagierte der deutsche Export wegen der hohen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Waren schneller auf das Wachstum im Ausland als umgekehrt ausländische Importe auf das Wachstum in der Bundesrepublik.

Die Lösung des Problems wird außerhalb der Bundesrepublik zumeist in schnellerem deutschen Wachstum gesehen; in der Tat kann Herr Stoltenberg diesmal auf der Tagung des Weltwährungsfonds in Berlin auf gute Wachstumszahlen im vergangenen und in den ersten sechs Monaten dieses Jahres verweisen. Aber trotz dieser eindrucksvollen Leistung ist der deutsche Handelsüberschuß auch in diesem Jahr weiter gestiegen. Tatsächlich sind die deutschen Exporte um 30 Prozent höher als die Importe und reagieren um 30 Prozent schneller auf das Wachstum der Nachfrage in der Weltwirtschaft. Danach müßte die deutsche Wirtschaft um 60 Prozent schneller wachsen als der Rest der Welt, wenn der westdeutsche Handelsüberschuß nicht weiter steigen soll.