Von Harald Strafe

In Berlin, der Stadt der Insulaner, verbirgt sich eine uralte Sehnsucht, und man kann ihre Erfüllung im Refugium ihrer Inseln finden. Man löst an der Tegeler Greenwichpromenade einen Fahrschein für den abfahrbereiten Ausflugsdampfer und läßt sich havelabwärts schippern, gen Wannsee und zur Pfaueninsel. An der Glienicker Brücke endet jäh West-Berlins Idylle. Von hier aus macht sich die Havel – mit insgesamt 371 Kilometern der bedeutendste Nebenfluß der Elbe – auf ihren weiteren Weg durch Potsdam, Brandenburg und Rathenow, bis sie bei Havelberg der Elbe zu mehr Schub verhilft.

Wer sich das billige Vergnügen des Dampferfahrens gönnt, setzt sich am besten gemütlich auf das Oberdeck und läßt von seinem Plastikstuhl aus die Gegend vorüberziehen. Bei ausreichender Phantasie erinnert dies hier sogar an Nordfrieslands Inseln und Halligen. Inselhüpfen ist auch in Berlin möglich. Dann fühlt man sich wie verreist.

Was verbergen sich auf Inseln nicht alles für Verheißungen? Balsam für das strapazierte Seelenleben der Großstädter können Inseln sein. Fegt der Westwind über die Havel, dröhnt und rauscht es in den Kiefern. Warum eigentlich immer in die südliche Ferne schweifen, wenn sich die heimische märkische Landschaft ausbreitet, als sei man auf einer Italien-Bildungsreise? Ach ja, hier ist zwar nicht das Land, wo die Zitronen blühen, aber die Sehnsucht darf sich auch in Berlin entfalten, damit sich keine faule Trägheit und Resignation des Herzens bemächtigt.

Scharfenberg, die größte und schönste der sieben Inseln im Tegeler See, erscheint auf dem Stadtplan als kotelettförmiges Eiland. Gegenüber bei Tegelort fließen Oberhavel und Tegeler See ineinander. Dort sitzt man in Ausflugslokalen direkt am See. Wem’s gefällt, der läßt sich vom hammondorgelnden Alleinunterhalter zum Tänzchen animieren. Zwischen „Schöne Maid, hast Du heut’ für mich Zeit“ und „Griechischer Wein“ vernimmt man das Dampfertuten; denn zwischen Tegelort und Insel Scharfenberg verläuft die Fahrrinne der Havel-Berufsschiffahrt.

Berliner Inseln sind eine gute Gegend, um Knoblauch zu verzehren. Schließlich ist man an der frischen Luft. Sei es durch die Kraft tatsächlicher idyllischer Ruhe oder nur durch die Kraft der Idee, daß man da draußen freier sei als anderswo – die Inseln haben einen unbezahlbaren, einen ideellen Wert.

Ohne Gas und Strom, ohne Anschluß an städtische Wasserleitungen und Kanalisation erfüllen die Inseln des Großstädters Traum vom einfachen Leben. Der kurzweilig verschmähte Komfort bleibt in Reichweite. Das Auto parkt am gegenüberliegenden Ufer. Daheim funktionieren Klo, Fernseher und Eierkocher dann wieder – wie gewohnt – auf Knopfdruck.