Von Hanno Kühnert

Ich führe ein ganz normales Leben", sagt Kurt Rebmann allen Ernstes inmitten einer bewachten, von Stacheldraht, Beton, Panzerglas und Sicherheitsschleusen starrenden Zwingburg von Behörde, die in allen Winkeln von Polizeibeamten und Videokameras beobachtet wird: "Ich kapsele mich nicht ab." Auf die Frage des Chronisten, ob das Festungsdasein nicht die Seele verändere, sagt der Generalbundesanwalt in seinem weiträumigen Chefzimmer: "Nein. Ich habe wegen meiner ständigen persönlichen Gefährdung und Bewachung kein Feindbild von den Terroristen, keine Verhärtung, keine Schärfe." Rebmann meint das wirklich so, er ist da ganz ehrlich.

Er glaubt alles, was er über seine eigene Situation verkündet. Von Nachdenken über sich selbst, von kritischem Abstand zur eigenen Person oder gar zum Amt läßt Rebmann nie etwas erkennen – als ob dieses unheimliche Stacheldrahtgetto seine Realitätsprüfung nicht geradezu zwangsläufig mindere. Der tägliche Troß mit zwei Polizeiautos auf der rasenden Fahrt von und nach Stuttgart, Rebmanns Wohnsitz, und die dichte Bewachung rund um die Uhr, privat und im Amt – ein sensibler Intellektueller würde schnell spüren, wie ihm dies alles die Möglichkeit verbaut, die Wirklichkeit noch unbefangen wahrzunehmen.

Doch dieser Generalbundesanwalt, ein begabter Jurist, ist kein solcher Intellektueller, sondern ein Mann von großer Naivität. Sein Eifer, sein Ruf nach Härte, sein Gesetzesrigorismus – in seinen Augen sind dies eben die Eigenschaften eines ganz normalen Generalbundesanwaltes, der gern dem Staat dient und dazu auch Terroristen vor den Richter zu bringen hat. Irgendwann mußte es zu dem Konflikt kommen, den Rebmann nun sogar mit dem Bundespräsidenten anfing.

Denn auch andere, die vor Weizsäcker seinem Anklägerbewußtsein in die Quere kamen, nahm er sofort an, wenn er in deren offenerem Weltverständnis Terroristenbegünstigung witterte: den damaligen Bundesdatenschutzbeauftragten Hans-Peter Bull, den Schriftsteller Martin Walser, die Brüder von Braunmühl, nicht zuletzt viele Anwälte und Strafverteidiger. Rebmann, der selbst einmal Richter war, hat als oberster Ankläger die Schutzfunktionen der Justiz gegenüber Beschuldigten nicht mehr umfassend verstanden und akzeptiert, auch nicht die Funktionen der Verteidigung und gewisse Grenzen der Strafprozeßordnung. Nun fehlt ihm jegliches Veständnis für die Gnadendiskussion.

Als er noch hoher Ministerialer in Stuttgart war, wurden die Verteidigergespräche in Stammheim widerrechtlich belauscht, als ob die Strafverfolgung von Terroristen fast jedes Mittel heilig. Daß die Häftlinge Angelika Speitel und Peter-Jürgen Boock trotz ihrer Abkehr vom Terrorismus nicht gegen ihre Mitbeschuldigten aussagen wollten, betrachtet Rebmann noch heute als abgefeimtes, verachtungswürdiges Verhalten. Deshalb lehnt er ihnen gegenüber jede Gnade ab.

Doch jene Mörder, die ihre Kumpane belasten, sollen auch nach Rebmanns Meinung als Kronzeugen überaus milde davonkommen. Das starre Weltbild des 64jährigen Kurt Rebmann rührt aber nicht nur von waffen- und polizeistarrender Eingeschlossenheit. Sie ist nur das erste Element der Härte. Und unter dieser Abgeschlossenheit scheint Rebmann auch nicht allzu sehr zu leiden.