Köln

Jedes Kind weiß: Engel sind etwas ganz Besonderes – ausgesprochen friedfertig, bekannt für ihren Dienst am Menschen, in der Regel gottesfürchtig und vor allem unsichtbar, sieht man einmal davon ab, daß sie sich gelegentlich in Kirchen niederlassen. Dies traf auch zu auf den „Schwebenden Engel“ von Ernst Barlach, der 35 Jahre lang ungestört in der Kölner Antoniter-Kirche hing, zu Ehren der Toten beider Weltkriege und zum Wohlgefallen der Evangelischen Gemeinde und der Touristen.

Doch dann bekam der Himmelsbote Konkurrenz. Vor etwa einem halben Jahr hat sich ein weiterer Barlach-Engel auf Schloß Gottorf in Schleswig niedergelassen, dieses Mal zum Ruhme des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums und seines Direktors. Erfahren haben die Kölner von dem Nebenbuhler erst vor kurzem und auch das nur durch Zufall, und sie finden den Vorfall keineswegs amüsant. Genauer gesagt hält der Kölner Pastor Jörg Eichert die Initiative der schleswigschen Kunstfreunde „für ausgesprochen mies“. Man hätte sie wenigstens informieren können.

„Kölner Provinzposse“ spotten die umtriebigen Engel-Macher aus dem Norden über den Unmut am Rhein. Den staunenden Pastor klären Museümsleitung und Barlach-Erben auf, seine Wünsche entsprächen nicht den Gepflogenheiten der Kunstszene. „Wir können doch nicht alle Besitzer aller Bronzen informieren, die ein ähnliches Exemplar haben wie das Museum“, erklärt Museumsdirektor Heinz Spielmann die Spielregeln.

Ganz so einfach sieht Pfarrer Eichert die wundersame Engelsvermehrung nicht. Er verweist auf die abenteuerliche Geschichte der Skulptur.

Ernst Barlach hat 1927 für den gotischen Dom im mecklenburgischen Güstrow einen Bronzeengel gestiftet. Die Plastik, der Barlach ungewollt die Züge von Käthe Kollwitz verliehen hatte, sollte an die Toten des ersten Weltkrieges erinnern. Nur die Gußkosten mußte die evangelische Gemeinde bezahlen.

Bereits damals hat der friedfertige Engel für Unruhe gesorgt. Die über zwei Meter lange Skulptur, seither Güstrower Ehrenmal genannt, entsprach nicht dem Idealbild eines Mahnmals für gefallene Kriegshelden. Am 24. August 1937 ließ denn auch die Kirchenleitung die „entartete Figur“ entfernen und nach Schwerin bringen, da der „slawische Engel von Barlach nicht würdig war, den Dom zu schmücken“. Vier Jahre später lieferte der Landesbischof der Evangelisch Lutherischen Kirche Mecklenburg die Bronzefigur an die Kreisleitung der NSDAP Schwerin-Mitte aus – „zum Zwecke der Einschmelzung für die Wehrwirtschaft“. Der Erlös ging an die Kirche, heißt es.