Sie hatten zusammen auf der Bühne gestanden, das Idol hatte die Donna Anna gesungen, sie selber die Zerlina – da hatte die große Maria Cebotari ihr prophezeit, sie werde einmal ihre Nachfolgerin werden. In der Tat übernahm sie das lyrische Sopranfach bis hinein in die Koloratur: Zur Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper war sie in Gala-Aufführungen als Sophie im "Rosenkavalier", als Mimi in "Bohème" und als Zerbinetta in der "Ariadne" zu hören. Die "kleinen" Rollen bei Richard Strauss haben sie groß gemacht – ihre Art, die Silberne Rose zu überreichen, war stilbildend, und ihre Daphne entsprach in jeder Klangfarbe, in jeder Geste den Vorstellungen des Komponisten: "die menschliche Verkörperung der Natur". Zwischen der Poppea Monteverdis und der Klugen von Orff, einer Euridice bei Gluck und einer Anne Trulove bei Strawinsky lag ihre Spannweite, und selbst in den etwas leichtergewichtigen Figuren der klassischen Operette vermochte sie mit Grazie und Größe, mit feinem Humor und unverstellter Herzlichkeit unsere Hochachtung zu gewinnen – in der Metropolitan Opera konnte sie lange Zeit als Rosalinde die dortige "Fledermaus" dominieren. Unvergessen ihre musikalischen Zwiegespräche mit Lisa della Casa (Arabella und Zdenka), mit Sena Jurinac (Sophie und Octavian), mit Hermann Prey und Fritz Wunderlich. Als Hilda Gerin war sie, die nicht nur Gesang, sondern auch Tanz studiert hatte, 1938 zunächst in der Wiener Volksoper in Benatzkys "Herzen im Schnee" aufgetreten, aber schon der erste Sprung war beachtlich weit: In Zürich debütierte sie 1939 als Cherubino – und von Stund an gewann sie vor allem als Mozart-Interpretin das Interesse der Experten des klassischen Schöngesangs wie der Liebhaber innig menschlicher Charaktere: Susanna, Elvira, Fiordiligi, Pamina. Mit diesen Rollen nahm sie auch die apollinische Entrücktheit für eine Mélisande von Debussy wie die Kraft des moralischen Appells in Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Am 17. September starb Hilde Güden in Wien im Alter von 71 Jahre. H.J.H.