Kann Mieczyslaw Rakowski die Warschauer Dauerkrise meistern?

Von Hansjakob Stehle

Bitter schmeckt die Macht, wenn sie zu spät auf längst schon überzogenem Kredit erworben wird. Das bekommt jetzt der Mann zu spüren, der in Polen als Regierungschef versuchen soll, woran er schon mehrfach fast verzweifelt war: Mieczyslaw Rakowski riskiert das, wie er ahnt, "abenteuerliche" Unternehmen, das kommunistische Staats- und Wirtschaftssystem (oder das, was nach den Krisenjahren davon übrig ist) einer so radikalen Reformkur zu unterziehen, daß sich die skeptische Nation noch einmal auf einen Arbeitskompromiß mit ihm einlassen kann.

"Intelligent genug ist er dazu" – das ist der einzige dürre Vorschußlorbeer, den Lech Walesa jetzt für den Mann übrig hat, von dem er sich im dramatischen Jahr 1981 ebenso enttäuscht fühlte wie dieser von ihm. "Es gibt keine Rückkehr zur Solidarność, es gibt keine Verhandlungen mehr an einem gemeinsamen Tisch", hatte Rakowski dem Arbeiterführer noch im August 1983 zugerufen, als sich beide in der Danziger Werft ein Wortduell lieferten. Lange hatte der damals stellvertretende Ministerpräsident Rakowski als Gesprächspartner Walesas versucht, zwischen dem Regime und der Volksbewegung zu vermitteln; Walesa hatte dabei – wie er in seinen Memoiren verrät – sogar den Eindruck gewonnen, daß Rakowski den von der Solidarnosc erzeugten Druck nutzen wollte, um sich schon damals selbst "an die Spitze zu bringen und unsere Forderungen im Politbüro der Partei zu vertreten... Der Gang der Ereignisse verstärkte seine Frustration... Unsere Bewegung verwandelt sich nicht in einen Aufwind, der seine Politik nach oben trägt... Ich lasse mich nicht zähmen."

Zwischen allen Stühlen

Grotesker und tragischer zugleich könnte sich das Mißverständnis nicht dokumentieren lassen, das jetzt, nach sieben Jahren, für Rakowski wie für Walesa doch wieder "oben" am runden Tisch enden soll. Wogegen eigentlich hatten sich Walesa und seine Freunde damals so "unzähmbar" gesträubt? Im Überschwang eines Hochgefühls, das sie die Grenzen des politisch Möglichen verkennen ließ, erschien ihnen ein Mann wie Rakowski ebenso verdächtig wie dessen dogmatisch verbohrten Genossen, die Rakowski unterstellten, auf faule Kompromisse zuzusteuern. Dabei verstand sich Rakowski eh und je "nur" als Realist – freilich als einer, der mit dieser Haltung unvermeidlich gegen den Strom schwimmen mußte: Es gäbe in Polens Geschichte "kein Beispiel dafür, daß das Lager der Realisten gesiegt hat", sagte er 1985 in einem Interview für Zdanie – und empfahl sich gleichwohl als Politiker einer solchen, allen Extremen abholden Mitte. Sie lag für ihn persönlich oft genug dort, wo er selbst zwischen allen Stühlen gelandet war. Doch nie ließ er sich entmutigen, und dabei kam ihm dann doch jene politische Romantik zu Hilfe, die er als nationale wie als religiöse Romantik so entschieden verwirft wie wenige andere polnische Politiker.

Das mag auch mit Rakowskis Herkunft aus einem einst "preußischen" Polen zusammenhängen. Er wurde 1926 als Sohn eines Bauern geboren, der 1916 vor Verdun für den Kaiser kämpfte und 1939 von Hitlers Schergen erschossen wurde. Von Jugend auf ist er hart mit Realitäten konfrontiert worden. Als Hilfsarbeiter in Posen erlebte er die deutsche Besatzung; in der polnischen Armee, die mit der sowjetischen zurückkehrte, stieß er zu den Kommunisten, diente er als Politoffizier und bereitete sich in Abendkursen auf ein Geschichtsstudium vor, das er 1955 mit einer Dissertation über "Die SPD in der Nachkriegszeit" abschloß. Schon als er bald darauf, nach Gomulkas Oktober-Frühling, zum ersten Mal die Bundesrepublik bereiste, war Rakowski anzumerken, daß ihn beide Elemente seines Themas – Deutschland und Sozialdemokratie – nicht mehr loslassen würden.