Japan zielt mit einer neuen Fernsehnorm auf den Weltmarkt

Von Karl-Heinz Büschemann

Gerade hatte sich das ehrwürdige britische Seebad Brighton von den Sommertouristen erholt, da wurde der Kurort schon wieder von zahllosen Fremden bevölkert. Fachleute aus aller Welt waren vergangene Woche an der englischen Kanalküste zusammengekommen, um in traditionsreicher Atmosphäre einen Blick ins neue Jahrtausend zu werfen. Die Vertreter der Unterhaltungselektronik-Industrie, aber auch Abgesandte von Fernsehanstalten und internationalen Postverwaltungen begutachteten auf der International Broadcasting Convention gespannt neuartige Fernsehkameras, bestaunten riesige Bildschirme und diskutierten aufgeregt über Bandbreiten, Zeilensprung oder Bildwechselfrequenzen.

Die Branche setzt auf ein völlig neues Mediengefühl. Ungefähr vom Jahr 2000 an wird ein normales Fernsehbild nicht mehr wie bisher aus 525 Zeilen (wie in den Vereinigten Staaten oder Japan) bestehen oder aus 625 Linien (wie in Europa). Das Heimkino der Zukunft wird mit der doppelten Zeilenzahl dem menschlichen Auge auf größeren Bildschirmen eine ganz neue Schärfe und Brillanz bescheren. Die neue TV-Technik soll natürlich auch das Geschäft beleben. Die Industrie rechnet mit einem gigantischen Nachfrageschub.

Das ist aber auch schon alles, was an diesem in der Fachsprache High Definition Television (HDTV) genannten hochauflösenden Zukunftsfernsehen klar ist. Denn wichtige technische Fragen sind noch völlig offen. Und wie so oft in dieser Branche stehen sich wieder einmal Japaner und Europäer verbittert in einem Streit gegenüber. Dabei steht viel auf dem Spiel. Stephan Peitzmann, der Geschäftsführer der Bosch-Tochtergesellschaft Broadcast Television Systems (BTS): "Das ist schon Big Business, was da auf uns zukommen könnte. Alles, was im Vorfeld unternommen wird, vor allem von den Japanern, geht um frühzeitige Machtpositionen."

Daß sich die japanischen und die europäischen Unterhaltungselektronik-Konzerne auch in den Konferenzsälen von Brighton recht unfreundlich begegneten, hat bereits eine Vorgeschichte. Schon auf der 16. Vollversammlung des internationalen Normungsgremiums Comité Consultatif International des Radiocummunications (CCIR) im jugoslawischen Dubrovnik rissen 1986 Japans Fernsehgesellschaft NHK und die Industrie des Inselreichs die europäischen Unterhaltungselektronik-Unternehmen aus dem Schlaf. Die innovationswütigen Asiaten, die auf der Suche nach neuen Produkten und Märkten nie müde werden, präsentierten schon damals einen kompletten, serienreifen Produktions- und Aufnahmegerätepark für hochauflösendes Fernsehen. Von der CCIR-Versammlung verlangten die Japaner, sie möge zur international verbindlichen Norm erklären, daß ein HDTV-Bild aus 1125 Zeilen zu bestehen habe, das in 60-Hertz-Technik erzeugt werde.

Eine Überlebensfrage