Von Bartholomäus Grill

Nienhof, im September

Hier geht’s zum Eros-Center", sagt Wilfried Hasselmann und deutet auf die Tür, hinter der die Muttersäue gedeckt werden. "Und hier ist der Kreissaal", fügt er hinzu und führt den Gast ins Innere. Da träumen im warmen Infrarotlicht frisch geworfene Ferkel von künftigem Gesuhle. Das also ist der reale Saustall des niedersächsischen Großbauern Hasselmann.

Vom ministerialen Saustall des niedersächsischen Innenministers Hasselmann war in den vergangenen Wochen und Monaten viel die Rede. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß in Hannover versucht derzeit die merkwürdigen Umstände der ersten Spielbanken-Pleite in der Bundesrepublik aufzuklären. Dabei gerieten die Aufsichtsbehörde der Kasinos, das Innenministerium, und vor allem der christlich-demokratische Chef dieses Hauses, Wilfried Hasselmann, in so heftiges Kreuzfeuer, daß sogar die CDU-freundliche Hannoversche Allgemeine Zeitung bissig kommentierte: "Die Probleme des Innenministeriums überfordern den Minister." Das muß den 64jährigen Landesvorsitzenden der CDU besonders gewurmt haben. Jedenfalls spricht er in diesen schweren Tagen oft davon, daß eine Fliege und ein Politiker eines gemeinsam haben: Sie können von einer Zeitung erschlagen werden.

Die Affären, die sich wie giftiger Efeu um sein Ministerium ranken, die Vorwürfe, die im Untersuchungsausschuß gegen ihn erhoben werden, die lasche Kontrolle der Roulette-Unternehmer, deretwegen ihn auch noch der Landesrechnungshof rügte – "das alles hat mich beinahe krank gemacht", bekennt Hasselmann. Aber nur beinahe: Der allseits Kritisierte hat ein "gutes Nervenkostüm"; und das hat er, wie er selber betont, seiner Familie, seinem beschaulichen Zuhause zu verdanken. "Ich komme abends heim und bin in einer ganz anderen Welt."

In dieser ganz anderen Welt wird gerade Pflaumenkuchen aufgetragen, goldenes Septemberlicht fällt in die Stube herein; selbstsicher lehnt sich der Minister zurück, während seine Frau Marianne erzählt, daß noch nie so viele Blumensträuße und nette Briefe bei ihnen eingegangen seien wie in diesem Sommer. Hasselmann ist froh über diese Ermutigungen, denn nie in seiner langen Politikerkarriere war er derart stark in Bedrängnis geraten. Seit einem Vierteljahrhundert sitzt er als Abgeordneter der CDU im niedersächsischen Landtag, seit 20 Jahren ist er unangefochten der Landesvorsitzende seiner Partei. Zweimal wollte er Ministerpräsident werden, zweimal scheiterte er nur knapp. Dreimal übernahm er Ministerämter: Im Koalitionskabinett Diederichs (SPD) leitete er fünf Jahre das Ressort Landwirtschaft; nach der ominösen Wahl Ernst Albrechts zum Landesvater wurde er Minister für Bundesangelegenheiten und für ein knappes Jahr in Personalunion auch noch Innenminister. Dieses Amt bekleidet Hasselmann seit Juli 1986 erneut.

Wer so viele gute Ernten eingefahren hat, der läßt sich nicht erschüttern, wenn ihm mal ein Hagelschlag die Halme knickt. "Niedersachsen-Herzog" und "Heide-Cäsar" haben Zeitgenossen den strammen Konservativen schon tituliert. Seine Beharrlichkeit trug ihm die Bezeichnung "niedersächsisches Urgestein" ein; er selber nennt sich "die plattdeutsche Ausgabe von Ernst Albrecht". Der umtriebige Hasselmann gilt als idealer Mitstreiter des eher spröden Ministerpräsidenten: Er trage sein Herz auf der Zunge, sagt der Minister. Seine Feinde sagen, er halte die Wahrheit hinter den Lippen.