Von Giovanni Agnelli

TURIN. – Es ist sicherlich kein Zufall, daß die europäische Einigung erst 1986 mit einem Riesenschritt vorangebracht wurde, als die Mitgliedsstaaten der EG beschlossen, bis 1992 einen gemeinsamen Binnenmarkt zu schaffen. Drei Jahrzehnte lang hatte man sich mit einem "gemeinsamen Markt" voller Barrieren und Hindernisse zufriedengegeben.

Dieser Schritt nach vorn ist zweifellos mit großen politischen Schwierigkeiten verbunden, aber er ist auch die Folge starker Sachzwänge. Die jüngsten Umwälzungen der internationalen Wirtschaft haben ihn notwendig gemacht. Denn wir erleben auf der einen Seite eine verstärkte Wettbewerbsfähigkeit der Dollar-Handelszone. Zugleich registrieren wir das außerordentlich aggressive Vorgehen Japans in industrieller und vertriebstechnischer Hinsicht nach der Umstrukturierung der japanischen Industrie, um sie trotz des hohen Yen-Kurses weiter wettbewerbsfähig zu halten. Aber auch die Präsenz der jungen industrialisierten Staaten – wie Taiwan, Südkorea, Singapur und Hongkong – auf den internationalen Märkten, besonders im Bereich der Hochtechnologie, wächst.

Diese Sachzwänge werden vor allem von den Unternehmern wahrgenommen, ja, sie stellen die tägliche Realität eines jeden Unternehmens dar, das sich auf dem internationalen Markt behaupten muß. Um diesem Druck standzuhalten, müssen die Unternehmen die inzwischen eng gewordenen nationalen Grenzen sprengen. Sie müssen die Möglichkeiten für Kosteneinsparungen nutzen, Investitionen und Aufwendungen für Forschung rationalisieren, die Transportkosten senken, die Produktpalette modernisieren. Das alles ist aber nur möglich, wenn sich ihr operativer, finanzieller und strategischer Horizont erweitert. Mit dem Näherrücken des europäischen Binnenmarktes wird es möglich sein, im weltweiten Wettbewerb zu bestehen.

Der Plan eines europäischen Binnenmarktes ist eine Herausforderung – nicht nur der Handel soll liberalisiert werden, sondern auch finanzielle und industrielle Transaktionen. Das aber bietet uns die Chance, im internationalen Wettbewerb mitzuhalten. Natürlich bedeutet dies einen Sprung ins Ungewisse mit all den Risiken, die ein solcher Wettbewerb mit sich bringt. Aber es gibt keine Alternative. Sonst droht Europa entweder die Isolation vom Marktgeschehen oder die Kapitulation vor den amerikanischen, japanischen und koreanischen Unternehmen, die immer bedeutender und strategisch stärker werden.

Auf dem Weg dahin sind jedoch erhebliche Hindernisse zu überwinden. Für eine wirkliche Wirtschaftsunion reicht es nicht aus, die nationalen Grenzen zu beseitigen und die verschiedenen Handelsvorschriften zu vereinheitlichen. Vielmehr ist es notwendig, daß auch die steuerliche Gesetzgebung harmonisiert wird – sowohl beim Warenaustausch als auch bei den Erträgen –, wenn sonst vorhersehbare Verzerrungen vermieden werden sollen.

Ein anderes großes Problem betrifft die finanzielle Integration. Hier geht es nicht nur um den freien Verkehr von Kapitalgütern, finanziellen und versicherungstechnischen Dienstleistungen. Es geht vielmehr darum, eine "europäische Währungspolitik" zu betreiben, die sich einer "europäischen Währung", des Ecu, bedient, der immer mehr zu einem anerkannten Zahlungsmittel werden muß.