Eschelbronn

Ein klarer Himmel liegt über dem Dorf Eschelbronn im Rhein-Neckar-Kreis. Keine Wolke trübt das Blau, niemand kann ahnen, was sich hinter den Wellblechwänden einer Scheune am Dorfrand zuträgt. Dort lagern – und zwar schon seit drei Jahren – 2050 Tonnen Erbsen und Reis, Überschüsse aus der EG-Agrarproduktion.

Zeit genug für Schädlinge, sich auszubreiten, wie die verantwortliche Behörde, die Bundesanstalt für Landwirtschaftliche Marktforschung (BALM), festgestellt hat. Aus diesem Grund beginnt sie am Morgen des 25. August dieses Jahres eine Vernichtungsaktion, in der Amtssprache "Begasung" genannt, im Vorratsschutz ein fast alltägliches Geschehen. Am Nachmittag klagen Anwohner über einen knoblauchartigen Geruch, Kennzeichen für Phosphin, ein hochwirksames Stoffwechselgift, das schon in Milligramm Konzentrationen tödlich wirken kann. Über Lautsprecher werden die Dorfbewohner aufgefordert, Fenster und Türen zu schließen, insgesamt sechzig Menschen werden evakuiert. Der Bürgermeister gibt Katastrophenalarm:

In Eschelbronn breitet sich Angst aus. Ein besorgter Vater setzt Frau und Kinder ins Auto: "Ich will ja meine Familie nicht vergiften." Eine Anwohnerin traute sich aufgrund des ausströmenden Gases nicht, das Licht anzumachen. Selbst noch am anderen Morgen ruft ein verunsicherter Bürger beim Süddeutschen Rundfunk in Heidelberg an: "Sagen Sie mir wenigstens, ob wir wieder die Fenster aufmachen dürfen." Eine evakuierte Mutter empört sich: "Wir sind von der Aktion nicht informiert worden. Ich finde es unverschämt, daß überhaupt so eine Begasung in der Nähe von Wohnanlagen möglich ist."

Der Begasungsleiter kanzelt indessen Anwohner, die wegen des Karbidgeruchs beunruhigt sind, als "hysterisch" ab und schickt sie nach Hause. In seiner Hand hält er ein Meßröhrchen aus Glas, das mit einer Gummihandpumpe betrieben wird. Später beauftragten die Behörden noch den TÜV, um "gerichtsfeste Messungen" zu bekommen. Der TÜV mißt im Umkreis der Halle Phosphin-Werte bis zu 0,4 ppm. Das ist das Vierfache der maximal erlaubten Konzentration am Arbeitsplatz (MAK-Wert). Zwei Tage dauert es, bis die Phosphin-Werte in der Halle mit einer Absauganlage von anfangs über 400 ppm auf 50 ppm verringert und später auf Null gebracht werden.

Der Vorfall in Eschelbronn ist der zweite seiner Art, der sich in den vergangenen neun Monaten allein in der Kurpfalz ereignet hat. Schon im vergangenen Dezember entwich in Mannheim nach einer Getreidebegasung auf der Friesenheimer Insel ebenfalls Phosphin, dort wurden 33 Menschen tagelang evakuiert. Doch die gesamte Bilanz des Begasungsverfährens mit Phosphorwasserstoff – in der Bundesrepublik "pro Jahr mehrere hundert Mal", nach Schätzung der Herstellerfirma Detia, – ist noch schlimmer. Getreidebegasungen in Brunsbüttelkoog 1957 – drei Tote, in Rinteln 1985 – drei Tote. Ebenfalls 1985 nach Getreidebegasungen in den hessischen Gemeinden Hainburg und Hochstadt: Symptome wie Reizhusten und Atemnot, in Dorn-Assenheim Beunruhigung durch Karbidgeruch. Zynisch klingt gegen diesen Hintergrund die Haltung des Begasungsleiters in Rinteln, der während seines zweiwöchigen Einsatzes im übrigen 16 Stunden täglich gearbeitet hat. Seine Aussage vor dem Bückeburger Landgericht, das im Mai 1987 wegen fahrlässiger Tötung verhandelte: "Man hat uns gesagt, wenn Leute umfallen, sollen wir das nicht so ernst nehmen. Heute sei die Bevölkerung überempfindlich, wenn es um Gas geht." In Rinteln erstickten zwei Kinder, vier und sechs Jahre alt, und ihre 23jährige Mutter. Das Urteil: acht Monate für den Begasungsleiter, sechs Monate für den Chef der Silofirma, jeweils mit Bewährung.

Nach dem Unfall in Mannheim hatte das Regierungspräsidium Karlsruhe die Vorschriften für eine Begasung erheblich verschärft: In Eschelbronn mußte der TÜV vor der Aktion ein Sicherheitsgutachten erstellen. Die Halle war zweifach mit einer gasundurchlässigen Spezialfolie abgeklebt worden – wenngleich auch nur abgesperrt mit einem dünnen Plastikband. Weshalb das Gas trotz dieser Vorkehrungen entwich, ist den Experten ein Rätsel. Chemieprofessor Jürgen Rochlitz, Landtagsabgeordneter der Grünen, kritisiert, daß man in Eschelbronn – wie schon in Mannheim – nicht den Druckabfall in der Halle gesehen habe, wie dies zum Beispiel mit Preßluft möglich und in den "Technischen Regeln für gefährliche Stoffe" (TRGS) auch vorgesehen sei. Ein Verfahren, das der Einsatzleiter für nicht machbar hält: "Dann fliegt Ihnen die Folie weg." Der grüne Abgeordnete hat bei der Mannheimer Staatsanwaltschaft gegen ihn, sowie die Betreiber des Vorratslagers und die Beamten, die die Genehmigung erteilt haben, einen Strafantrag gestellt: Zu keinem Zeitpunkt sei sichergestellt gewesen, "daß die vorgenommenen Abdichtungen ausreichen".