Kann es angehen, daß Leute randalieren und Brände legen, und wir sitzen tatenlos da und predigen? Sicherlich nicht!" Diese warnenden Worte richtete Generalsekretär Michail Gorbatschow diese Woche an die rebellischen Sowjetbürger in Transkaukasien. Seit 14 Tagen sind in Nagornyj-Karabach wieder Unruhen aufgeflammt.

Über die Region ist unterdessen ein "Sonderzustand" verhängt worden, sie untersteht einem Militärkommandeur. Christliche Armenier, die dort in einer Exklave im moslemisch geprägten Aserbeidschan leben, wollen den Anschluß an die Unionsrepublik Armenien erzwingen.

Bereits in der Vorwoche hatten Hundertausende ihrer Landsleute in Eriwan für eine Sondersitzung des armenischen Obersten Sowjets demonstriert. Die Räte sollten sich erneut stark machen für eine Eingliederung des umstrittenen Gebietes. Die Mächtigen in Moskau aber wollen dies mit allen Mitteln verhindern. Ihr Schiedsspruch im Juni lautete: Nagornyj-Karabach bleibt bei Aserbeidschan, seine Bindung an Armenien soll indes gefestigt werden.

Damit geben sich die Armenier nicht zufrieden. Auch von Gorbatschow entsandte Militäreinheiten konnten sie nicht davon abhalten, in einen Generalstreik zu treten. Die Lage droht kritisch zu werden, denn der Ausstand soll bis Anfang Oktober dauern.

Die Unruhen in Armenien bereiten Gorbatschow Kopfzerbrechen, denn sie stören nicht nur den Prozeß der Perestrojka, sondern bedrohen auch die Einheit des Vielvölkerstaates. In Washington hat die von den sowjetischen Behörden ausgebürgerte armenische Nationalistenführerin Airikian betont, daß die Armenier nicht mehr nur für den Anschluß Nagornyj-Karabachs kämpfen, sondern für einen unabhängigen Staat. -ill