Von Rolf Zundel

Bonn, im September

Otto Graf Lambsdorff läßt nichts im Ungefähren. Wo seine Konkurrentin Befürchtungen und Hoffnungen weckt, politische und personelle Mutmaßungen in Gang setzt, richten sich auf ihn Erwartungen. Er ist jedermann ein Begriff, wenn auch nicht allen ein freundlicher. Jedenfalls zählt er zu den wenigen Politikern der Bundesrepublik von nationalem und internationalem Rang, und er hat ihn behalten, auch nachdem er das Amt des Wirtschaftsministers verloren hatte und zur Symbolfigur des Parteienfinanzierungs-Skandals geworden war – ein erstaunlicher Vorgang, fast ohne Beispiel in der Bundesrepublik.

Am ehesten noch bietet sich Franz. Josef Strauß zum Vergleich an. Auch der Bayer war zu stark und zu intelligent, als daß er nach der Spiegel-Affäre, nach der Lüge vor dem Parlament, auf Dauer im politischen Abseits hätte gehalten werden können. Allerdings trennt die beiden sonst vieles. Das Unorganisierte, Unkalkulierbare von Strauß ist Lambsdorff fremd, wohl auch dessen beunruhigende Genialität. Ihm geht schon mal das Temperament durch, aber nicht die Phantasie. Er ist nüchterner, härter, seine Fehler und seine Qualitäten liegen offen zu Tage. Sogar einer seiner politischen Gegner in der Partei räumte ein: "Er ist ein Kerl."

Lambsdorff hat früh seinen Anspruch auf die FDP-Führung angemeldet. Das verlegene, als politische Pietät drapierte Gerede, über Bangemanns Nachfolge dürfe erst gesprochen werden, wenn der Parteivorsitzende seinen Wunsch, nach Brüssel zu gehen, öffentlich erklärt habe, durchstieß er mit seiner Bewerbung. Für taktische Spiele in unklaren Situationen ist sein Temperament zu kräftig; wo er keinen Widerstand findet, marschiert er durch – so, wie er auch die Bonner Wende 1982, als er sie für unvermeidlich hielt, konsequent betrieben hat.

Ein Meister des Hinhaltens und der pfiffigen Umwege mag Lambsdorff nicht sein. In seiner Kampagne um den Vorsitz hat er, auch nach dem Urteil seiner Freunde, eher zu viel als zu wenig Erklärungen produziert. Aber daß die Kampagne von wirkungsvoller Professionalität war, bestreiten auch seine Gegner nicht. Für ihn hatte die Auseinandersetzung zwei Phasen: eine, in der es um Sympathie ging ("Da mußte man durch"), und eine zweite, entscheidende, wo über Kompetenz geredet wird: "Da sind wir mitten drin."

Seine Vorteile hat er geschickt ins Spiel gebracht, einige seiner Nachteile sogar in Guthaben umgemünzt. So wie er den idealen Parteivorsitzenden definierte – "er muß Führungskraft haben, er muß Darstellungskraft haben, er muß ein guter Wahlkämpfer sein" –, kam das einem Selbstporträt ziemlich nahe. Und die Definition zielte zugleich auf jene Unsicherheiten, die manche Delegierte empfinden, wenn sie sich eine Parteivorsitzende Adam-Schwaetzer vorstellen.