Er trägt die erdbraune Uniform der Nationalen Volksarmee, komplett mit geflochtenen Achselstücken, roten Kragenspiegeln, breiten Generalsbiesen an der Hose und zwölf Reihen Ordensschnallen auf der Brust. Dennoch sagt der 68jährige, der schlank und straff wirkt wie ein wesentlich jüngerer: "Ich bin Politiker." In der Tat gehört der General der Volkskammer an, dem SED-Zentralkomitee, dem Politbüro.

Keßler wurde 1920 in Schlesien geboren, wuchs in Chemnitz auf, dem heutigen Karl-Marx-Stadt, und lernte Maschinenschlosser. Seine Eltern waren Kommunisten. Unter den Nazis kam sein Vater ins Konzentrationslager, die Mutter ins Gefängnis. Als Soldat einer sächsischen Infanteriedivision nahm er 1941 am Angriff auf die Sowjetunion teil. Drei Wochen nach dem Überfall lief er zur Roten Armee über; die Entscheidung war lange in ihm gereift.

Es folgten: Ausbildung an der Moskauer Antifa-Schule; Mitbegründung des Nationalkomitees Freies Deutschland; Rückkehr ins eroberte Berlin im Frühjahr 1945 als Unterleutnant der Roten Armee. Arbeit für die KPD, später die SED. FDJ-Karriere 1947-1950, viele Monate Agitationsarbeit auch in der Bundesrepublik ("Ich habe versucht, die Jugendverbände zu agitieren und dafür zu gewinnen, mit uns gegen die Pariser Verträge aufzutreten"). Wilhelm Pieck, so heißt es, habe ihm damals gesagt: "Die Russen wollen, daß Du General wirst." Er bestreitet diese Version, aber bald studierte er an einer sowjetischen Militärakademie, schloß als Militärwissenschaftler ab, wurde nacheinander Chefinspektor der Volkspolizei (1950), Generalmajor und Chef der Luftwaffeneinheiten der Kasernierten Volkspolizei (1952), Chef der NVA-Luftstreitkräfte (1956), Chef des Hauptstabes der Nationalen Volksarmee (1967), Chef der Politischen Hauptverwaltung (1979), Armeegeneral und Minister für Nationale Verteidigung am 3. Dezember 1985.

Seit seiner FDJ-Zeit ist Keßler eng mit Honekker befreundet. Die beiden spielen Skat zusammen ("wegen der vielen Arbeit nicht mehr so oft wie früher"). Keßler redet frisch von der Leber weg, ohne papierene Anwandlungen. Deutsch-deutsche Kameraderie wird es zwischen Heinz Keßler und dem Bundesverteidigungsminister nicht geben. Ein lohnender Gesprächspartner ist er allemal. Th.S.