Von Christel Hofmann

Hermann Pohlmeier, Deutschlands „Selbstmordpapst“, spricht genießerisch von der Liebe. Er muß es wissen. Zwischen zwei Ehen war er zwanzig Jahre Junggeselle.

Und was liebt er noch, außer der Liebe? Gleich nach der Liebe kommt die Musik, sein Klavier, seine Orgel. Gutes Essen, selber kochen. Mit Lust verreisen, wozu er nicht unbedingt die Familie braucht. Das Leben in Gruppen, auch in den Banden der Familie, gesteht er freimütig, bereitet ihm gelegentlich Mühsal.

Zum Arbeiten und Alleinsein zieht sich der 60jährige Professor, Inhaber des Göttinger Lehrstuhls für medizinische Psychologie, in sein Institut an der Humboldtallee zurück. Als Selbstmordpapst wird er gerne bezeichnet. Er scheint es nicht ungern zu hören, wenngleich er lächelnd abwehrt und meint, Selbstmordkardinal beschreibe seine Position in der Diskussion schon hinreichend genug.

Der Mensch und sein Lebensthema gehen aufeinander zu. Wie also wird man Selbstmordpapst? „Die Erfahrung mit mir selber führte zu der Entdeckung, daß mein persönliches Interesse der Depressions- und Selbstmordforschung gilt“, sagt Pohlmeier. 1971 verfaßt er ein Standardwerk über Depression und Selbstmord*. Hauptaussage: Nur wer depressiv ist, begeht Selbstmord. Aber die Forschung bringt ihn weiter und zu der Erkenntnis: Selbstmord verüben auch Menschen, die nicht depressiv sind.

Das Befassen mit Einzelfällen, auch mit politischen Suiziden läßt ihn von der herrschenden Meinung abrücken. Er geht noch einen Schritt weiter und spricht vom Recht des Menschen auf den Freitod: „Selbstmord muß nicht Sinnesverwirrung als Ursache haben. Der freibestimmte Tod ist ganz im Sinne der Würde des Menschen.“ Spätestens jetzt gilt Pohlmeier als sehr streitbarer Geist in seiner Zunft.

Hinter ihm liegen ein Dutzend Jahre intensiver Forschung: Max-Planck-Institut München, Universität Ulm. 1975 wird Pohlmeier nach Göttingen berufen. Drei Jahre später erscheint „Selbstmordverhütung – Anmaßung oder Verpflichtung?“. Die Begegnung mit Jean Améry, der Mitautor des Buches ist, hat Pohlmeier in seinen Selbstmordthesen noch bestärkt. Mit zwölf dachte er zum ersten Mal über den Freitod nach. Der Widerstreit zwischen Hitlerjugend und katholischem Elternhaus machte ihm zu schaffen. Er war und blieb Ideologie abhold.

Fünfzehnjährig wird er als Luftwaffenhelfer eingezogen. Mit dem Stahlhelm auf dem Kopf verteidigt er eine Ölraffinerie im Rheinland. Er wird mit Sterben und Tod vertraut. Sechs Wochen vor Kriegsende entzieht er sich dem Einsatz und versteckt sich im Keller seines Düsseldorfer Elternhauses.

Notabitur nach dem Kriege und dann, auf Wunsch des Vaters, der Arzt ist, zwei Semester Medizin in Köln. Er bricht ab, geht ins Priesterseminar nach Bonn. Pohlmeier sagt, sein Weltbild sei nach dem Kriege sehr pessimistisch gewesen. Zu tief saß die Kriegsangst, um nicht annehmen zu müssen, der nächste Krieg stehe schon dicht vor der Tür. Also Theologie studieren, Priester werden, die Endzeit puristisch bestehen.

Im Freiseminar in Freiburg entdeckt er die Liebe und entscheidet, die ehelose Lebensform nicht zu wählen. Nach sechs Semestern Theologie kehrt er zur Medizin zurück, hört aber noch weiter Philosophie. Er will Psychiater werden – und will es doch nicht, weil er seine eigene Affinität zu Grenzsituationen fürchtet. In Wien lernt er Erwin Ringel kennen und wird sein Schüler. Die Zweifel schwinden. Pohlmeier akzeptiert sein Lebensthema: Grenzfälle.

Im Landeskrankenhaus Haar in München arbeitet er als Assistenzarzt bei Fritz Riemann, seinem späteren Analytiker. Während der Analyse zerbricht seine Ehe. Frau und Tochter verlassen ihn. Es ist ein Schock. Zwanzig Jahre bleibt er danach ehelos. „Daß ich so wohlkomponiert hier sitze“, sagt Hermann Pohlmeier, „ist auch die Frucht meiner Analyse.“ 700 Stunden lag er auf der Couch; machte Frieden mit der Kindheit, sprach über seine wiederkehrende Neigung zum Selbstmord, klärte die depressiven Anteile seiner – eigentlich rheinischen – Seele, gewann Belastbarkeit. Seine eigene Praxis als Psychoanalytiker orientiert sich bis auf den heutigen Tag an den positiven Erfahrungen der eigenen Analyse.

Daß heute so viele Psychoanalysen scheitern, hat für Pohlmeier mehrere Gründe: Oft sind die Analytiker zu jung, haben zu wenig eigene Lebenserfahrung. „Vor dem 40. Lebensjahr“, sagt Pohlmeier, „sollte eigentlich niemand diesen Beruf ausüben. Wer ihn ausübt, sollte immer deutlich älter sein als sein Klient.“ Sein Analytiker war 20 Jahre älter als er, was gewiß auch eine Quelle des Vertrauens war. „Psychoanalyse ist eine Methode unter anderen Heilmethoden. Sie ist nicht immer und in jedem Fall die beste. Sie birgt zu viele Risiken. „Aber“, fügt er fast resignierend hinzu, „wenn ein Psychoanalytiker sich erst einmal niedergelassen hat, muß er jeden Patienten, der den Wunsch nach einer Analyse hegt, auch therapieren. Er muß ja leben!“

Pohlmeier hält es für unverantwortlich, wenn Klienten von ihrem Therapeuten vor der Analyse nicht aufgeklärt werden – „über den Prozeß der Analyse schlechthin, was er bewirken soll und zunächst einmal tatsächlich bewirkt: Gefährdung der Partnerbeziehung, auch der Familienbeziehung. Der Analytiker fesselt das gesamte Beziehungspotential des Klienten und konzentriert es auf sich. Das muß der Klient wissen. Darauf muß er vorbereitet sein. Auch auf die Übertragungsliebe zum Therapeuten. Das geschieht ja. Und dann, ganz wichtig, muß der Klient darüber aufgeklärt werden, daß eine solche Übertragungsliebe in eine dauerhafte Abhängigkeit zum Therapeuten übergehen kann.“

Für ganz und gar verwerflich hält es Pohlmeier, daß sich ein Therapeut auch dann eines Erfolges rühmt, wenn sich der Patient auf Kosten seiner sozialen Umwelt selbst verwirklicht. „Die Psychoanalyse“, sagt Pohlmeier, „ist ein Sonderfall in der Ethik der Medizin. Wir können nicht alles dem Gewissen überlassen. Wir müssen Grenzen setzen. Wir müssen neu nachdenken. Die Psychoanalyse darf nicht zu einer lukrativen Einnahmequelle verkommen. Ihr kultur- und gesellschaftskritischer Aspekt wird zu gering geachtet, interdisziplinäre Forschung täte not.“

Neben dem Lehrstuhl widmet er sich seiner ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis, besessen von dem Gedanken: wie kann man Selbstmord verhüten? „Es ist ein Spiel mit Leben und Tod“, sagt Pohlmeier. Das Einsperren und Bewachen gegen den Willen selbstmordgefährdeter Menschen hält er für entwürdigend und sträflich. Jede Entscheidung, auch die, Selbstmord zu verüben, verdient Respekt. Wir Ärzte müssen das mühsam lernen.“ Woher rührt die Angst des Arztes vor dem Selbstmord seines Patienten? Pohlmeier glaubt, daß die eigene Angst des Arztes vor Sterben und Tod durch den Sterbewunsch des Patienten drastisch mobilisiert wird. Zudem hat der Arzt Angst vor Verurteilung. Verurteilung durch das eigene Gewissen, die öffentliche Moral und die Justiz. „Erst wenn ein Arzt frei von diesen Ängsten ist“, sagt Pohlmeier, „kann es sich der Patient leisten, mit ihm offen über den Selbstmord zu reden. Geschieht dies, ist schon viel gewonnen. Der Klient muß wissen, daß seine Absicht den Therapeuten nicht verschreckt, daß er verstanden wird. Manchmal sage ich dem Klienten, daß es mich wundert, wenn ich all die Gründe so anhöre, daß er sich nicht schon längst umgebracht hat.“

Pohlmeier reflektiert mit dem Klienten all jene Dinge, die ihn im Leben halten, also die Gründe, die ihn bislang vom Selbstmord abgehalten haben. Er steht mit seinen Patienten die Frage durch: soll ich, soll ich nicht? „Zeit gewinnen, ist alles“, sagt Pohlmeier. Je mehr Zeit beide miteinander gewinnen, desto dünner wird die Begründungskette.

Und wenn der Klient sagt: jetzt ist Schluß, morgen tue ich’s?

„Wenn der Patient bis hierher Vertrauen hatte, wird er morgen auch noch einmal kommen. Vielleicht läßt sich der Suizid dann doch noch vertagen. Es ist und bleibt ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem der Tod durchaus gewinnen kann.“

Und wenn der Tod gewinnt? Pohlmeier zögert. Aber dann sagt er doch, daß sein Respekt vor der Entscheidung des Suizidenten bleibt.

Wenn es ein Recht auf Selbstmord gibt, warum dann sogar eine Deutsche Gesellschaft für Selbstmordprophylaxe, deren Präsident er einmal war? Die Diskussion um Hackethals Praktiken hat Pohlmeier nicht nur nachdenklicher gemacht, sondern in schwerste Konflikte gestürzt. Heute bezieht er die Position: Keine Beihilfe zum Suizid! Der Respekt, den er dem Freitod zollt, impliziert für ihn nicht die Hilfe zur Durchführung. Eigenverantwortung für die Tat bezieht für ihn Eigenverantwortung für Mittel und Weg mit ein. Würde er raten, vielleicht ganz einfach als Mensch? „Im privaten Bereich sicherlich. Aber es würde mir Konflikte bereiten, die ich nicht einfach abwälzen könnte.“

1986 wurde in Göttingen eine Akademie für Ethik in der Medizin gegründet, zu deren Gründungsmitgliedern Pohlmeier gehört. Intensivmedizin, Sterbehilfe, Legitimation der Selbstmordverhütung, Legitimation der Psychotherapie sind Themen, die Pohlmeier mehr denn je unter den Nägeln brennen, und die eine zeitgemäße Diskussion erfordern. „Das Befassen mit der Ethik in der Medizin, das Bewußtmachen von ethischen Problemen“, sagt er, „war lange schon überfällig.“

In fünf oder acht Jahren wird Pohlmeier emeritiert sein. Und dann? „Mein neues Interessengebiet, die Ethik in der Medizin, werde ich nicht loslassen. Aber vor allem möchte ich nach der Emeritierung eines, nämlich den Beruf ausüben, den ich mir einmal gewählt habe und auch im nächsten Leben wieder wählen würde: helfender Arzt.“

* Seine Bücher sind im Keil-Verlag, Bonn, erschienen.