ZEIT: Herr Minister, Sie haben vor sechs Wochen im Neuen Deutschland einen großen Artikel über die sicherheitspolitischen Vorstellungen der DDR geschrieben. Ein Absatz wurde in der Bundesrepublik als eine Einladung an den neuen Bundesverteidigungsminister Professor Scholz zum direkten Gespräch ausgelegt. Nach dem genauen Wortlaut haben Sie aber Gespräche angeregt "zwischen den Verteidigungsministerien und Militärexperten auch anderer Staaten der Nato und des Warschauer Vertrages, darunter der DDR und der BRD". Gibt es inzwischen eine persönliche Einladung oder eine persönliche Gesprächsaufforderung?

Keßler: Nein, bis jetzt noch nicht.

ZEIT: Heißt dies, daß Sie kein Interesse an Gesprächen mit dem Bundesverteidigungsminister hätten?

Keßler: Im Gegenteil, ich habe ein großes Interesse.

ZEIT: Minister Scholz hat gesagt, Gespräche dieser Art dürften nicht nur for show sein, sondern es sollte auch etwas dabei herauskommen. Was könnte dies nach Ihrer Vorstellung sein?

Keßler: Als ich das geschrieben habe, ging ich von meiner Vorstellung aus, daß es in der jetzigen Situation, in der es doch für die Abrüstung in all ihren Aspekten eine ganze Reihe von günstigen Vorzeichen gibt, gut wäre, wenn sich Leute aus unseren Sphären – ich meine die Verteidigungsministerien, aus welchem Land auch immer – treffen würden, mit Tagesordnung oder ohne Tagesordnung, um sich kennenzulernen, um ihre Vorstellungen darzulegen, auszutauschen, wenn es sein muß, darüber zu streiten, sachlich, vernünftig. Als ich das geschrieben habe, habe ich das aber natürlich auch – und ich freue mich, daß das so verstanden wurde – als eine Anregung betrachtet, sowohl für mich wie für den Verteidigungsminister der, Bundesrepublik.

Ob etwas dabei herauskommt, kann man vorher schwer sagen. Auf jeden Fall bekommt jeder vom anderen eine Vorstellung. Und durch das persönliche Kennenlernen, durch das Reden über alles mögliche, auch über private Dinge, ergeben sich dann auch Möglichkeiten, konkrete Aspekte zu erörtern, die bilateralen aber auch multilateralen Charakter haben können.