Von Rudolf Hickel

Heutzutage ein problemorientiertes Lehrbuch zur Konjunkturpolitik vorzulegen verlangt Stehvermögen. Denn der große Reichtum an alternativen Theorien zu Konjunktur und Krise sowie an Konzepten des konjunkturellen Gegensteuerns haben in Wissenschaft und Politik kaum noch Konjunktur.

Spätestens seit 1975 setzte sich zuerst in der dominierenden Wirtschaftswissenschaft und dann verzögert in der Politik ein atemberaubender Rückzug aus der Politik gesamtwirtschaftlicher Regulierung durch. Zum Teil sind die Ursachen dieses Abschieds vom Keynesianismus im unzureichenden Konzept der bundesdeutschen Globalsteuerung selbst zu suchen. Anstatt jedoch aus den kritischen Erfahrungen ein modernes Steue rungskonzept weiterzuentwickeln, greift mittlerweile eine totale Renaissance der Doktrin von der Selbststeuerungsfähigkeit politisch entfesselter Marktwirtschaften Platz: Wenn nur ein rentables Angebot gesichert wird, dann kann sich die Marktwirtschaft zum Wohle aller wieder erheben. Für eine aktive Konjunktur-, Struktur- und Wachstumspolitik ist in diesem Konzept jedenfalls kein Platz.

Vor diesem Hintergrund legt Werner Glastetter, der im April 1981 wohl auch wegen der unproduktiven Blockbildung der Mehrheitsräte den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vorzeitig verlassen hat, sein Vademekum zur Konjunkturpolitik vor:

  • Werner Glastetter: Konjunkturpolitik – Ziele, Instrumente, alternative Strategien. Bund-Verlag, Köln 1987; 435 Seiten, 58 DM.

Dabei geht es ihm um Dialogbereitschaft, nicht um "ideologische Konfrontation, sondern sachliche Auseinandersetzung, die die Prämissen transparent macht". Um ein "höheres Maß an Transparenz in diese Kontroverse hineinzubringen", wird die Methode der kritisch abwägenden Gegenüberstellung wichtiger Ansätze der Konjunkturpolitik und -theorie gewählt. Diese Methode kann für den Leser produktiv genutzt werden, denn er wird in die Entscheidung über die richtige Strategie nicht nur einbezogen. Vielmehr wälzt Glastetter die "politische Wertentscheidung" auf den Nutzer seines Lehrbuchs ab.

Diese Methode der Problemöffnung per Gegenüberstellung wichtiger Ansätze der Konjunkturpolitik macht den Verfasser durch all diejenigen, die mit einer festgefügten Botschaft dieses Gebiet besetzt halten, angreifbar. Das Lehrbuch will vielmehr produktiv-kritisches Weiterdenken nicht zuschütten, sondern freisetzen. Auf diese Intention richten sich die folgenden kritischen Aussagen zu diesem Lehrbuch, das in seiner Gesamtheit große Anerkennung verdient.