Von Gerhard Spörl

Bonn,im September

Höchstens flüchtig hat sie daran gedacht aufzugeben, obwohl die anzüglichen Fragen, ob sie als Frau überhaupt kann, was sie will, neu und verletzend für sie sind. Sie lebte ja in Eintracht mit der Polit-Männerwelt. Sie paßte sich an, suchte dort ihre Mentoren. Fast erschrekkend leidenschaftslos kommentiert Irmgard Adam-Schwaetzer: "Ich habe früh gelernt, in männlichen Kategorien zu denken und mich entsprechend zu verhalten." Der Geschlechterkrieg, der das Duell mit dem Grafen Lambsdorff um den Vorsitz der Liberalen überhöht, brach sofort aus, als sie ihre Kandidatur anmeldete. Eine aufstrebende Frau gegen den um seine Rehabilitierung kämpfenden Grafen: Das war eine nicht unerwartete und fällige Zuspitzung des alten Konflikts.

Erstaunlich ist, daß nicht eigentlich Irmgard Adam-Schwaetzer im Mittelpunkt des Interesses steht. Im Grunde spielt sie nur eine Art abgeleitete Hauptrolle. Den schließlich historischen Versuch einer Frau, sich zum erstenmal an die Spitze einer deutschen Partei zu stellen, hätte man sich anders vorgestellt. Aber die Aufmerksamkeit, die Lambsdorff jederzeit auf sich zieht, ist zwiespältig. Einerseits beherrscht er die Schlagzeilen fast nach Belieben. Andererseits lädt seine Hegemonie in der Öffentlichkeit zu voreiligen Schlüssen ein. Nun gut, das Drama, an dem das Publikum Anteil nimmt, handelt von Graf Lambsdorff, seinem tiefen Sturz und seinem Comeback-Versuch. Eine Vorentscheidung für Wiesbaden ist damit noch lange nicht gefallen.

In diesem merkwürdigen Wettbewerb wird Irmgard Adam-Schwaetzer bis zuletzt eine ernstzunehmende Außenseiterin sein, um es vorsichtig auszudrücken. Die Symbolkraft ihrer Kandidatur hat sie selber vermutlich höher eingeschätzt. Sie hatte sich ursprünglich darauf verlassen, es sei ein schwer zu schlagendes Argument, daß sie eine Frau ist, zumal sie ja genügend Meriten in der FDP erworben hat. Ihre Stärke besteht nun aber tatsächlich darin, daß sie Gegen -Kandidatin ist, daß für sie nicht alles auf dem Spiele steht. Sie kann ja verlieren, ohne zu scheitern. Wer nicht für sie ist, muß nicht unbedingt gegen sie sein. Aber wer gegen Lambsdorff ist, muß notgedrungen für sie sein.

Daß sich zwei Kontrahenten um einen Parteivorsitz bewerben, kommt nicht alle Tage vor. An verläßlichen Regeln mangelt es daher wie an den üblichen Helfershelfern. Nach Dienstschluß im Auswärtigen Amt verwandelt sich die Staatsministerin in die Wahlkämpferin. Täglich erhält sie Einladungen von irgendwelchen Orts- oder Kreisverbänden. Neugierde und Wohlwollen schlagen ihr entgegen, ihrer Kompetenz wegen und auch weil sie eine Frau ist; Sie referiert über den Stand der Dinge in Bonn und in Europa. Längere Reden sind nicht ihre Stärke. Von Hans-Dietrich Genscher muß sie gelernt haben, wie man Sprache blutleer quetscht. Ihre große Stärke, konzentrierte Sachlichkeit, tritt in der Diskussion zutage, aus der das überwiegend bürgerliche Publikum sie erst spät wieder entläßt. Die Zuhörer zeigen Interesse an der Steuergesetzgebung und am EG-Binnenmarkt, an der Ökologie und an den Vorstellungen von einer anderen FDP, wofür Irmgard Adam-Schwaetzer. nach einigem Schlucken "Vision" setzt.

Über ihren Mangel an Überschwang, über ihren Verzicht auf jede politische Romantik kommt regelmäßig ein bißchen Enttäuschung auf. Sie betreibt Politik noch wie eine leitende Angestellte im Zweitberuf: aus sicherer Distanz, geschäftsmäßig, auf Effizienz bedacht. Weil sie als Kontrastprogramm zu Lambsdorff wahrgenommen wird, fällt diese Schwäche noch nicht übermäßig auf. Am Tage nach ihrer Wahl wäre sie ihren Kritikern erbarmungslos ausgeliefert.