Von Beate Reimer

In der Fußgängerzone der südbrasilianischen Großstadt Porto Alegre drängeln sich Polizei und neugierige Passanten um ein Grüppchen Demonstranten. Ungefähr fünfzig Sem Terra kündigen in der schwülen Mittagshitze einen 24stündigen Sitzstreik an, um auf die mageren Fortschritte der Agrarreform hinzuweisen.

Sem Terra heißt übersetzt "ohne Land" und ist der Name für die Mitglieder der brasilianischen Landlosenbewegung. Sie bildete sich zu Beginn der achtziger Jahre und versteht sich als Interessenvertretung jener mindestens fünf Millionen Familien, die ohne Land und ohne Existenzgrundlage ziellos umherziehen, die als wilde Siedler leben oder als Kleinpächter und Landarbeiter von den Großgrundbesitzern in sklavenähnlicher Abhängigkeit gehalten werden. Gemeinsam mit der katholischen Kirche Brasiliens, den Linksparteien und den Gewerkschaften bilden die Sem Terra eine in der brasilianischen Geschichte noch nie dagewesene Koalition für ein verwegenes Ziel: Zum ersten Mal seit der Kolonisation durch die Portugiesen soll im größten Land Lateinamerikas, wo nur ein Prozent der Grundbesitzer über knapp die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche verfügt, eine Agrarreform durchgesetzt werden.

Verwegen ist das Ziel Agrarreform, weil dieser Koalition aus Gewerkschaften, Kirche, Linken und ländlichen Habenichtsen eine mächtige Fraktion gegenübersteht: die Demokratische Landunion (Uniaö Democratica Ruralista, UDR), die als Interessenvertretung der Landbesitzer nicht nur über eine prall gefüllte Vereinskasse, sondern auch über viel Einfluß im brasilianischen Staat verfügt. Seit ihrer Gründung 1985 haben sich 230 000 Mitglieder um den UDR-Präsidenten Ronaldo Caiado gesammelt. Darunter sind auch viele kleine und mittlere Bauern, denen die UDR mit einer geschickten Propaganda eingeredet hat, daß eine Agrarreform auch sie enteignen würde.

Dabei hatte die heutige Regierungspartei PMDB sogar die Unterstützung der mächtigen Militärs, als sie 1985 ihr Amt mit dem Versprechen einer Landverteilung antrat. Im neuen demokratischen Brasilien sollten die vielen Kleinbauern- und Landarbeiterfamilien, die im 8,5 Millionen Quadratkilometer großen Flächenstaat bisher am Rande des Existenzminimums vegetieren müssen, ein angemessenes Stück Land erhalten, von dem sie sich ernähren können. Denn einen anderen Ausweg aus der Misere, etwa die Flucht in die Städte, gibt es für diese Menschen nicht. Die Elendsviertel von Rio und São Paulo platzen aus allen Nähten, die Kriminalität nimmt bedrohliche Ausmaße an. Wer sich nicht auf einem Stückchen Erde selbst Gemüse oder Früchte ziehen kann, muß viel Geld allein für Grundnahrungsmittel ausgeben.

Ein Kilo Reis – in jedem Haushalt unverzichtbarer Bestandteil einer warmen Mahlzeit – kostet zwischen fünfzig und siebzig Pfennig, ein Kilo Bohnen runde 1,20 Mark. Das ist viel Geld: Ein Drittel der brasilianischen Arbeiter verdient nicht mehr als den gesetzlich fixierten Mindestlohn von drei Mark am Tag; ganze Großfamilien müssen davon leben. Nach einer Untersuchung des staatlichen Planungssekretariats Seplan gelten zwei Drittel der 144 Millionen Brasilianer als unterernährt.

Die mangelhafte Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist ein Motiv für die Agrarreform. Nur knapp zwanzig Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche von 3,3 Millionen Quadratkilometern werden tatsächlich zur Feldwirtschaft genutzt – und in dieser Rechnung sind der Anbau von Zuckerrohr und den Exportkulturen Soja und Kaffee bereits enthalten.