Nach dem Kataster des Nationalen Instituts für Kolonisation und Agrarreform (INCRA) wird knapp die Hälfte der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche überhaupt nicht produktiv genutzt – ein Gebiet, das etwa sechsmal der Bundesrepublik Deutschland entspricht. Als besonders unproduktiv gelten die Latifundien, in denen meistens Viehwirtschaft betrieben wird. Wer mehrere zehntausend Hektar Land besitzt, dem ist es egal, wenn ein Teil davon brachliegt. Die Sem Terras fordern deshalb: "Gebt das Land denen, die es auch bearbeiten und Reis und Bohnen darauf anbauen."

Brasiliens Staatspräsident José Sarney – selbst einer der größten Landbesitzer in seinem Heimatstaat Maranhäo – unterzeichnete im Oktober 1985 den ersten Nationalen Agrarreformplan. Danach sollte Staatsland und nicht produktiv genutzte Flächen aus Privateigentum verteilt werden, die zu diesem Zweck enteignet werden konnten. Bis 1989 sollen insgesamt 43 Millionen Hektar an 1,4 Millionen Familien verteilt werden. Doch bis Ende 1987 wurden nur 2,1 Millionen Hektar enteignet, und nur 60 000 der eigentlich für diese Periode vorgesehenen 450 000 Familien bekamen Land zugewiesen.

Vieles deutet darauf hin, daß die neue demokratische Regierung Brasiliens die Agrarreform lieber heute als morgen aus ihrem Programm streichen würde. Die für die Landverteilung zuständigen Institutionen wechseln, Kompetenzen werden herumgeschoben, Mittel gekürzt. In zwei Jahren traten zwei Minister, die für Agrarreform zuständig waren, frustriert zurück. Der dritte, Marcos Freire, unter der Diktatur ein angesehener Oppositionspolitiker, übernahm den Posten im Juni 1987. Ihm hätte so mancher Brasilianer zugetraut, das ungeliebte Projekt vielleicht doch noch durchzuziehen. Freire und seine wichtigsten Mitarbeiter kamen Anfang September 1987 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Danach hatten nacheinander noch zwei Minister das umstrittene Amt inne, und zur Zeit erwägt die brasilianische Regierung, das Agrarreformministerium stillschweigend wieder abzuschaffen.

Die jetzige Agrarreform ist nicht der erste Versuch, einfachen Bauern eigenes Land zu verschaffen. Bereits im vergangenen Jahrhundert wurde das Gesetz vom usucapiāo erlassen, nach dem sich jeder Brasilianer Staatsland zu seinem Eigentum "ersitzen" konnte. Das Gesetz gilt im Prinzip bis heute: Jeder Brasilianer, der ein Stück Land fünf Jahre lang unangefochten bewohnt und bearbeitet, kann den Eigentumstitel darauf erwerben. In der Realität hat das Gesetz den einfachen Bauern jedoch wenig genutzt. Das liegt vor allem daran, daß diese ihren Rechtsanspruch selbst registrieren lassen müssen. Aber die meisten unter ihnen können nicht lesen und schreiben und wissen schon gar nicht, was eine "Grundbucheintragung" ist.

Doch auch Gesetze selbst bieten in Brasilien noch lange keine Sicherheit. Das erfuhr die Landarbeiterin Telmira, die mit ihrer Familie und dreißig anderen Bauernfamilien Ende der fünfziger Jahre nach "Chapada da Sindä" kam, eine steinige Flur mitten im Palmenwald von Piaui, einem Staat im Nordosten Brasiliens. Eigentlich hatten sie auf dem Land eines Großgrundbesitzers als Kleinpächter gelebt. Doch der vertrieb die Bauern, als sie sich weigerten, die Hälfte ihrer Ernte als Pacht abzugeben. Die kleine Gemeinde zog nach Chapada da Sindä, weil sie wußte, daß das Gebiet keinen Besitzer hatte. Die Familien bauten sich Hütten aus Palmstroh und legten in der Umgebung Felder an, auf denen sie Bohnen, Mais, Reis und Maniok anbauten. Eine weitere Einkommensquelle waren die wildwachsenden Kokosnüsse, deren Fruchtfleisch sich auf dem Markt verkaufen ließ oder aus dem die Bauern Öl preßten.

Das ruhige Leben währte nur einige Jahre – bis die Besitzerin der benachbarten Ländereien den Palmenwald von Chapada da Sindá plötzlich zu ihrem Eigentum erklärte und von den Bauern Pachtzahlungen verlangte. Von irgendwelchen Rechtsgrundsätzen hatten die Siedler keine Ahnung. Sie wußten nur, daß sie sich nicht wieder der Allmacht eines Landbesitzers unterordnen wollten. Weil sie sich widersetzten, ließ der Polizeichef Telmira und vier Männer ohne richterliche Anweisung ins Gefängnis werfen, als die fünf bei der Ernte in dem umstrittenen Gebiet erwischt wurden. Elf Tage saßen die Bauern hinter Gittern. Dann kam der Anwalt der Landarbeitergewerkschaft endlich von einer Reise zurück und beendete das illegale Treiben. An Gesetze glaubt in Chapada da Sindä heute keiner mehr. "Vor Gericht und bei der Polizei gewinnt immer, wer schön reden kann und Geld hat", ist die Lebenserfahrung von João Luzia, Telmiras 47jährigem Nachbarn. Die Leute von Chapada da Sindä können weder schön reden, noch haben sie Geld. Die Felder richten sie mit Brandrodung her und bearbeiten das Land mit der Axt oder den bloßen Händen. Die Ernte reicht oft nicht aus, um die Familien ein ganzes Jahr zu ernähren. Wer auf den umliegenden Landgütern einen der knappen Arbeitsplätze ergattert, kann sich glücklich schätzen und verdient zwei Mark am Tag.

Bei der brasilianischen Agrarreform geht es auch darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem die Kleinen unter den Landbesitzern bestehen können. Zwar gibt es in Brasilien Programme, mit denen die Lebens- und Produktionsbedingungen der Kleinbauern verbessert werden sollen, doch sie wurden bisher nicht umgesetzt. Kredit- und Steuerpolitik begünstigen vor allem den Anbau von ertragreichen Exportprodukten und den Einsatz von Maschinen, Düngemitteln und Pestiziden. Die Subventionen fließen in erster Linie in die Taschen der Landbesitzer mit über tausend Hektar, die sich meistens auf Monokulturen oder Viehwirtschaft spezialisiert haben.