Die Landlosenbewegung hat ihre eigenen Konsequenzen aus den mageren Ergebnissen der bisherigen Landverteilungsversuche gezogen. "Terra é poder – não se ganha, se conquista" – "Land ist Macht – und die bekommt man nicht geschenkt, sondern die muß man sich erobern", steht auf einem Transparent der Demonstranten geschrieben, die in Porto Alegre für die Agrarreform streiken. Mit dieser Einsicht besetzen Frauen, Männer und Kinder der Sem Terra – unter dem Primat der Gewaltlosigkeit – Ländereien, die sie für unproduktiv halten. Das ist zwar illegal, aber die Erfolge scheinen ihnen recht zu geben. Die Zeitungen berichten über die Besetzungen, die Öffentlichkeit wurde aufmerksam, und die Gerichte stellten im nachhinein fest, daß das besetzte Land tatsächlich brach lag und enteignet werden konnte. Wie stark die Landlosen, Kleinbauern und Landarbeiter im politischen Ringen um die Agrarreform sind, ist schwer zu sagen. Aber sie haben zwei wichtige Verbündete: die katholische Kirche Brasiliens und die autonome Gewerkschaftsbewegung, die erst seit Anfang der achtziger Jahre existiert.

Im feudalistisch geprägten Brasilien empfinden viele Großgrundbesitzer die Formierung der Kleinbauern- und Landlosenbewegung als Unverschämtheit, und jede Art von Landverteilung kommt in ihren Augen der Einführung des Kommunismus gleich. Seit der Ankündigung der Agrarreform steigt in den ländlichen Gebieten die Zahl der gewalttätigen Konflikte und der Toten. Mehr als tausend ermordete Landarbeiter, Gewerkschafter, Nonnen und Priester registrierte Amnesty International seit 1980.

Erst im Mai dieses Jahres lieferte die Landbesitzervereinigung UDR ein Beispiel dafür, wie gut sie die Verfassunggebende Versammlung im Griff hat. Deren Abgeordnete verabschiedeten zwar einen wohlklingenden Artikel, der die Möglichkeit einer Enteignung von Grundbesitz aus sozialem Interesse vorsieht. "Produktives" Land nahmen die Volksvertreter jedoch von dieser Regelung aus.

Und genau wegen dieser Ausnahme wird in Brasilien künftig die Enteignung von Großgrundbesitz für eine Agrarreform nahezu unmöglich sein. Denn als produktiv gilt Land bereits, wenn ab und zu ein paar Rinder darüberlaufen oder Bäume darauf wachsen, die schließlich jederzeit zur wirtschaftlichen Nutzung abgeholzt werden können.

Für UDR-Präsident Ronaldo Caiado war damals das Abstimmungsergebnis der Verfassunggebenden Versammlung keine Neuigkeit. Er hatte schon vorher in einem Interview mit der angesehenen Tageszeitung Folha de São Paulo deutlich gemacht, daß sich die Landbesitzer für mächtig genug hielten, die Abstimmung zu ihren Gunsten ausgehen zu lassen.